18.04.07

Nur noch zwölfundachtzig Minuten

Doris Knecht | 04/07 | Falter-Kolumne | Frauen / Männer | Kinder und andere Mitbewohner | Kunst & Kultur | Unter Spießern


Bis drei lege ich auf und trinke Bier, um halb vier bin ich im Bett, gegen vier kann ich endlich einschlafen, um acht schickt mir der Lange die Kinder ins Zimmer, um neun fahren wir ins Waldviertel. Die ganze Fahrt hindurch stellen die Kinder hinter mir ohne Unterlass Fragen aus dem wie-lange-wie-weit-Komplex. Mämäääää? Ja, Kinder. Müssen wir noch tausend Kilometer fahren? Nein, Kinder. Nur zweihundertzweiundzwanzig Kilometer?Oder sieben Miniarden? Mämäää, wie weit ist es noch? Etwa 80 Kilometer, Kinder. Ist das weit, 80 Kilometer?, wie lange dauert das?, 1000 Stunden?, oder zweihundertzweiundzwanzig? Oder sieben Miniarden?, Mämäääää!, wie lange ist eine Stunde? Zweihundertzweiundzwanzig Minuten? Oder zwölfundachtzig Sekunden? immer mit diesen glockenhellen Stimmen in der sicheren Schmerzfrequenz. Der Lange konzentriert sich stur auf den Verkehr und spielt dazu in tüchtiger Lautstärke das gesamte neue Fehlfarben-Album „Handbuch für die Welt“, zwölf lange Lieder lang quäkt mir Peter Hein das Gehirn schlammig, hinten die Kinder, vorne Hein und als wir nach eineinhalb Stunden endlich ankommen, macht der Lange mit den Kindern gleich einen Spaziergang zum Bach hinunter und rettet so sein Leben.
  Das war wohl die Rache. Der Lange fand, er habe mit dem abflussgebrechensbedingten Küchenumbau genug gelitten, während ich ja am Land zehn Tage Halligalli mit den Kindern hatte. Das kann sich ein normaler Mensch nicht vorstellen, was der Lange durchmachen musste: Zehn Tage zwischen abmontierten Küchenkasterl leben, was bedeutet, dass er jeden Tag im Gasthaus oder beim Radatz Fleisch essen, jeden Abend bis in die Puppen ausgehen und Bier trinken und das ganze Wochenende lesend im Bett verbringen musste, und jeden Morgen wurde er nicht von den Kindern geweckt; im Prinzip des Langen Vorstellung von Leben, richtigem Leben.
  Aber nicht, wenn er muss. Wenn er muss, ist es furchtbar. Jetzt wo er musste, war es kaum zu ertragen. Wir alle können uns nicht vorstellen, was der Lange gelitten hat; und als ich nach acht Stunden Zugfahrt mit den Kindern in Wien ankam, um dann fünf Stunden lang die Küche wieder einzuräumen, legte sich der Lange gleich mit einem Buch auf die Couch und hinterließ dort den unmissverständlichen Eindruck eines Mannes, der vorhat, für den Rest des Jahres in diesem Haushalt keine Hand mehr zu rühren. Der Lange fand, er habe wirklich genug getan. Es bedurfte einiger entschiedener Worte (die Kinder: Jetzt beruhigt ihr euch aber wieder!), um die Work-Life-Balance in unserer Wohnung wieder herzustellen.
  Nichts gegen Peter Hein übrigens und die neue Fehlfarben-CD. Sind richtig gute Nummern drauf, von denen ich mindestens eine immer in meinem DJ-Mäppchen mitführe, dzt. „Politdisco“. Prächtig. Immer das Maul aufreißen, immer beschweren, nie zufrieden, ganz mein Lebensprinzip. Hein soll ja jetzt in Wien leben, das ist gut, vor allem, wo Mark Stewart wieder weitergezogen ist. Nur seine Schuhe hat er da gelassen, zwei Paar, Größe 52.
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