09.04.07

Tour de Ringradweg

Doris Knecht | 04/07 | Arbeit & Wirtschaft | Kurier-Kolumne | Schuld und Sühne | Stadt/Land

Unvorsichtigerweise prahlte ich hier im Herbst  einmal damit, was für eine brave, klimaschonende Radfahrerin ich doch sei, die sich leider regelmäßig über Autofahrer-Rücksichtslosigkeiten ärgern müsse. Worauf ich korbweise Leserpost erhielt, deren geringster Teil  von  applaudierenden Umweltschonern verfasst war.  Nachdem ich alles gelesen hatte, fühlte ich mich wie ein  neuer Mensch: Wie militante Außenseiterin, ja: eine gewaltbereite Minderheit unter Terrorismusverdacht.
Denn Ärger über Autofahrer, las ich, sei ein hochtouriger Motor für Tätlichkeiten gegen das Automobil, und die so viel wie ein Angriff auf Leib und Leben, denn: Das Auto ist ja nicht nur   Fortbewegungsmittel – es ist ein Symbol der Bewegungsfreiheit, ja: der Freiheit an sich! Ein Angriff auf diese Freiheit, und sei er auch rein verbaler Natur, muss also als Angriff auf das unser  Gesellschaftsprinzip u.s.w! Ketzerei allemal. Über meine Fortbewegungsmodalitäten schwieg ich seither.
Nun aber gestehe ich erneut: Ich fahre Rad! Täglich! Denn ich weiß jetzt  einen Minister an meiner offenen Pedalistenflanke: Umweltminister Josef Pröll ordnete kürzlich an, die Presse zu informieren; er wünsche  Rad zu fahren. Oho! Aha! Ein Raunen ging durch die Redaktionsstuben, und alle Fotografen eilten sogleich zum Ring, um am Ringradweg dem Minister zu lauern.  Und, pardauz!, da kam  er angeradelt und pedalte, ohne Pause und ohne einen einzigen Tropfen Transpiration, den ganzen  Weg von der Alma Mater bis zur Urania. Und wer wollte, konnte  hinter ihm in flammenden Lettern die Worte „Folget mir! Ich will euch  Vorbild sein!“ am Horizont erglühen sehen.
Seither pedale auch ich wieder stolz und erhobenen Hauptes durch die  schöne Wienerstadt.
« Ruinös kommuniziert | Main | Das Leben der Unteren »
kommentieren
(If you haven't left a comment here before, you may need to be approved by the site owner before your comment will appear. Until then, it won't appear on the entry. Thanks for waiting.)













« Ruinös kommuniziert | Main | Das Leben der Unteren »



Boboville
Boboville - Residenz Verlag