04.04.07

Wir haben noch was vor

Doris Knecht | 04/07 | Falter-Kolumne | Freunde | Kunst & Kultur | Zuerich

Seit sie den Limmatquai für den Autoverkehr gesperrt haben, hat sich das Schanigartenaufkommen in Zürich schlagartig vervielfacht. Wenngleich der Zwinglianer sich ungern bei untätiger Herumsitzerei an der frischen Luft ertappen lässt, das hält der Zwinglianer für eine Sünde, auf die im Zwinglianerpurgatorium verschärftes Aua steht, weshalb in den Zürcher Schanigärten praktisch nur Zürcher mit Migrationshintergrund und Touristen sitzen. Der Zürcher verbirgt eventuelle Fauhlheit hinter Vorhängen und Koniferen. Zum Glück verfügen die meisten meiner Zürcher Freunde über einen Migrationshintergrund oder einen Hang zur Touristerei im Heimatland, denn als ich an einem Donnerstag nachmittag um 16.30 Uhr bei Carmen eintreffe, findet Carmen, dass man zur Feier des Tages jetzt sofort mit einem Wodka Tonic anstoßen müsse, zuerst mit einem steifen, dann mit einem freundlichen, weil wir haben noch was Wichtiges vor. Wir müssen zur Premiere von Haemmerlis Film, und das ist nicht nur wichtig, weil Haemmerli, wie die anhänglicheren unter meinen Leserinnen wissen, mein Freund und Carmens Liebster ist, sondern weil der Film, wie ich anhand des Trailers (www.messiemother.com/film) bereits ahnte und ein paar Stunden später bestätigt bekomme, wirklich, wirklich gut geworden ist. Wirklich gut. 
  Was erst nur als Videodokumentation gedacht war, ist jetzte in Kinofilm mit dem Titel „Sieben Mulden und eine Leiche“ und handelt von Haemmerlis Mutter und wie sie vor zwei Jahren, als Haemmerli eben in aller Form vierzig werden wollte (ich hatte ihm dafür schon einen sehr lauten und dann sehr unpassenden Wiener- Werkstätten-Herren-Kimono gekauft), tot in ihrer Wohnung gefunden wurde, wo sie nach einem plötzlichen Herzstillstand eine Woche auf der eingeschalteten Fußbodenheizung gelegen hatte. Davor lebt sie viele Jahre in einer unfassbaren Müllhalde, wovon ihre beiden Söhne, die die Müllhalde dann einen Monat lang zehn bis 14 Stunden täglich wegräumten, nichts geahnt hatten. Jahrelang hatte die Mutter stets plausible Gründe dafür gefunden, warum Essen mit den Söhnen auswärts stattzufinden hatten und wieso sie immer schon adrett zurechtgemacht vor der Tür auf diese wartete. Und Haemmerli, der, seit ich ihn kenne, immer eine Videokamera auf sich trägt, um sie bevorzugt in beschämenden Momenten in Betrieb zu nehmen, tat das ab dem Moment, als er mit seinem Bruder das Polizei-Siegel abriß. Und er tat es, als sie endlich einen Reinigungsdienst fanden, der bereit war, das, was von seiner Mutter noch auf den Fliesen klebte, mit einem großen Messer abzukratzen. Er filmte das Chaos, und er filmte, wie er es mit seinem Bruder abtrug, wobei sie, kein Zufall, auf jede Menge Fotos und Super-8-Filme stießen, denn auch die Mutter hatte gern eine Kamera zwischen sich und ihr Leben und ihre Kinder gehalten, und die Großmutter auch schon und so wurde Haemmerlis Film nicht nur ein Film über seine Familie, sondern vor allem darüber, was von einem Leben übrigbleibt, wenn es vorbei ist. Es ist faszinierend und deprimierend und überraschenderweise auch ziemlich heiter.
   Nach dem Film wurden weitere steife Wodka-Tonics gereicht (scheint sich um das aktuelle Zürcher Trend-Getränk zu handeln), und später  verpasste ich, wie Dieter Meier tanzte, weil ich bis vier Uhr früh auf einem Sofa hockte, wo sich stets neue, erschöpfte Gesellschaft drängelte und an dem Haemmerli ständig mit weiteren Wodka-Tonics vorbeitänzelte. Und als am nächsten Morgen um sieben mein Handy piepte, weil mir der Lange etwas über das Rohreverlegen in unserer Küche berichten wollte, das dem Langen gerade alle Lebensfreude austreibt, hörte ich es gar nicht.
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» 18.04.07 09:55
fritz trümpi

liebe doris knecht, nur was kleines: das statt der limmatquai, sowie gartenbeiz statt schanigarten... nix für ungut...

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