Doris Knecht
| 05/07
| Falter-Kolumne
| Frauen / Männer
| Kinder und andere Mitbewohner
| Kunst & Kultur
Es ist ein bisschen wie damals beim Tätowieren: Die Frage war nicht, ob ja oder nein, sondern wo und was. Der Schurl hatte es satt, das Pecken immer nur auf toter Sauhaut zu üben, er war bereit für lebende Menschen und ich war zufällig grad in der Nähe. Dabei hab ich mit meinem Oberarm noch Glück gehabt, jetzt mal im Vergleich mit dem Oberarm vom Mike oder dem Unterarm eines Wiener Flex-Chefs. Bei mir hatte der Schurl das mit den verschiedenen Hautschichten schon besser heraussen, nur die Linienführung, naja, aber ich trag ja jetzt eh meistens Ärmel.
Daran erinnert mich jetzt das Gendermainstreaming meiner Tochter. Die Frage ist nicht mehr, wann der Zipfel nun endlich wächst oder warum buhuhu nicht, sondern wie und wann einer drangemacht wird. Meine völlig daherfantasierten Drastizismen, da müsse was aus dem Schenkel geschnitten und dann woanders anoperiert
werden undsoweiter, verstören das Kind entgegen meiner Absicht nicht. Was getan werden muss, muss getan werden: Wie funktioniert das genau? Ich bin allerdings noch lange nicht so weit, dass ich im Internet nachschaue, wie das genau funktioniert. Ist ja noch mächtig Zeit bis dahin. Wie viel Zeit? Wieviel Mal schlafen? Mamaaa, wie viel Mal? Also, warte, ungefähr 4745 Mal, und ja, das ist mächtig viel.
Zum Glück. Das Kind soll anziehen und sein was und spielen womit es will (meine Meinung. Der Lange ist über die Fussballnärrischheit des Kindes unerfreut. Dafür hat er keine Töchter gemacht, dass er jetzt im Käfig rumstehen und gegen einen Ball treten soll), aber diese Zipfelsache macht mich langsam eitzerlweise nervös. Dabei hat mittlerweile selbst meine Mutter ihren pädagogischen Leitsatz revidiert, man müsse so eine kindliche Geschlechtsverwirrung nur sorgsam ignorieren, man müsse dem Kind nur immer Mädchen-Spielzeug und Mädchen-Gewand schenken, dann würde es irgendwann von selber zu sich kommen. Schau, wie schön, Schatzi! Das Kind natürlich immer bähh. Meine Mutter immer man dürfe das doch nicht fördern, das sei doch, also sie wolle jetzt nicht gestrig klingen, aber normal sei das wirklich nicht. Nach dreijähriger strikter Verschmähung aller Kleidchen-Präsente kam aber meine Mutter zu sich und schenkt dem Kind zum 5. Geburtstag jetzt eine fesche Bubenshort und einen Bionicle, danke.
Beruhigend ist, dass auch andere Leute merkwürdige Kinder haben. Die Schnitzlers haben zum Beispiel einen betörend merkwürdigen Buben, der mir, als ich schmerzgebeugt durch die Schnitzlersche Superaussicht trippelte, medizinisch einwandfrei erklärte, was das ist, Hexenschuss, der unglaubliche, lebensgroße Piratenschiffe in den Garten zimmert und der gesagt haben soll, das sei das schönste Geschenk seines Lebens, als er zum Geburtstag eine Nähmaschine bekam. Zum 10. Geburtstag, bitte. Das ist schön. Das lässt mich nur befürchten, dass frühe Merkwürdigkeit später nicht weniger wird. Und jaaaa, Mutter, ich WEISS, dass ich das selbst am besten wissen müsste.