Doris Knecht
| 05/07
| Falter-Kolumne
| Frauen / Männer
| Kinder und andere Mitbewohner
| Schuld und Sühne
| Unter Spießern
Also lieg ich am Sofa auf meinem kleinen alte-Damen-Thermophor, Stufe 2, manchmal Stufe 3, lese Zeitschriften und sehe fern, weil ich nach den tollen Büchern der Damen Marisha Pessl und A. M. Homes ums Verrecken nicht in die „Dorfpunks“ von Rocko Schamoni reinfinde, so schnuckinger der Herr sonst auch sein mag. Ich sehe, was so kommt. Egal, was kommt. Ist nicht viel Erhebendes dabei, außer „Ellen“, „Dr. House“ und, darüber muss ich mich sehr wundern, „Vier Frauen und ein Todesfall“. Das ist lustig, entschieden lustiger als früher, ich lache mindestens sieben Mal, ein Spitzenschnitt für eine österreichische TV-Produktion, wofür, wie ich dann recherchiere, offenkundig Rupert Henning zur Verantwortung zu ziehen ist, bzw. seine Coautorenschaft. Das erklärt alles.
Nach vier Tagen strengem Liegen, zwei Infusionen und ein paar feinen Pillen, die mir die gute Mutter Urban aus ihrer Arztpraxis vorbeigebracht hat, erlaubt mir mein Hexenschuss
fast schmerzfreies Umdrehen. Und ich kann meine Socken allein anziehen, in weniger als zwölf Minuten und ohne dass wieder der Notarzt kommen und mich kusch spritzen muss, ist das nicht super.
Aufstehen tu ich dann vielleicht morgen. Aufstehen und die Kinder vom Spielplatz abholen. Hink hink. In vernünftigen Schuhen. Zum Glück wurden jetzt endgültig die Stöckelschuhe abgeschafft und in einem perfiden, als Modetrend getarnten parakommunistischen Gleichmacherakt durch schmucklose Fußhüllen ersetzt, die sich Ballerinas nennen. Alle Frauen müssen jetzt Ballerinas tragen, und alle Frauen müssen dazu Röhrenjeans tragen, egal, ob es ihnen steht oder nicht, und es steht ungefähr 87 Prozent nicht, und zu denen gehöre ich. Ich hab Stöckelschuhbeine, Schicksal, aber morgen, wenn ich Turnschuhe oder Ballerinas tragen muss, weil mein Rücken mich sonst umbringt und meine Ostheopatin mich sonst verstößt, morgen werde ich den anderen 86,X Prozent der röhrenballerinauntauglichkeitsresistenten Frauen dankbar sein, dass ich nicht alleine hässlich bin. Überhaupt: Scheiß heurige Mode. Mit der heurigen Scheißmode bin ich durch, nicht nur wegen der Mode, sondern vor allem Dank dem netten und verständnisvollen Herrn Stachel von meiner Bank, der mich letzte Woche mal wieder angerufen hat. Sie, Frau Knecht. Sie ahnen wahrscheinlich, warum ich anruf. Ja, Herr Stachel, ja eh.
Drei Tage lang versorgt mich jedenfalls der Lange ohne Gemurre (das Prä-Notarzt-Gejaule wollte er eher nicht noch mal hören) auf dem Sofa, kümmert sich um die Kinder, kümmert sich um die Lektürevollversorgung, kümmert sich ums Essen, und am Abend des vierten Tages bringt er mir sogar ein Präsent. Ein verfrühtes Muttertagsgeschenk aus dem neuen Kunstsupermarkt in der Westbahnstraße, hey, wie nett!, und wie ich es aufmache, ist es ein kleiner Linolschnitt, der ein rauchendes Schulmädchen zeigt, unter einem Graffiti: FUCK MUM. Au schön, echt total lieb, du; ich dich übrigens auch.
Nur so am Rande erwaehnt: Ich fand nach den ersten paar Seiten von "Dorfpunks" auch: "Gott, ist das Scheisse!" Habe aber aus Pflichtbewusstsein (weil's ein Geschenk war) weitergelesen und kann beruhigen: Es wird definitiv besser je weiter man vorankommt.