16.05.07

The Arsenic Hour

Doris Knecht | 05/07 | Falter-Kolumne | Frauen / Männer | Kinder und andere Mitbewohner | Prost Mahlzeit | Schuld und Sühne

Schön: auch andere Paare streiten. Ritters zum Beispiel haben zur Geburtstagsparty ihrer Tochter geladen, und ich bin nicht wahnsinnig glücklich über die Ansage, die Party finde im Wald statt. Gut ist, dass ich tags zuvor eine engagierte Auseindersetzung mit dem Langen hatte, in deren Verlauf der Lange so deppert wurde, dass ich etwas tat, was meinen Kindern strengstens verboten ist, und Begriffe verwendete, die gleichfalls. Allerdings führt der Zwischenfall überraschenderweise dazu, dass der Lange tags darauf Zucker ist und offenbar bereit, Buße zu tun. Also ruf ich die Ritterin an und sag: Ritterin, der Wald ist was für Väter, Mütter, sag ich, sollten derweil auf Balkonen sitzen und Alkohol missbrauchen. Wofür es übrigens in Amiland einen eigenen Begriff gibt, wie mir eine amerikanische Bekannte kürzlich erläuterte: the Arsenic Hour.
  Es sei, sagte diese Delia, die Stunde am späten Nachmittag, in der Mütter, und Delia sprach von All-American-Full-Time-Müttern in All-American-Kleinstädten, ihre Kinder und ihr Leben nur noch im Zustand der Somatisiertheit ertragen können. Gut, die Ritterin und ich sind keine Full-Time-Mütter und neigen zu einem unamerikanischen Nonperfektionismus, der das Leben wesentlich vereinfacht, aber das soll kein Grund sein, etwas so schön benamstes wie eine Arsenic Hour nicht dennoch von Zeit zu Zeit zu zelebrieren. Nicht zuletzt aus Solidarität mit der amerikanischen Hausfrau als solcher. Das alles erklär ich also der Ritter, und dass sie das doch bitte dem Ritter verklickern soll, weil Schnitzeljagden machen mich irrsinnig unrund. Die Ritterin sagt, ich hätte ja so Recht, und könnte ich das dem Ritter bitte selber sagen, weil sie kann nicht. Sie redet seit Dienstag nicht mit ihm. Dienstag, sag ich, Respekt! Gell, sagt die Ritterin, und dass es der Ritter sehr verdient hat.
  Das hätte der Lange auch, aber ich kann ja die Pappn nicht halten. Als der Lange tatsächlich mit dem Ritter und den Kindern in den Wald schnitzeljagen geht, während die Ritterin und ich am Balkon Sprudelwein trinken, bin ich sowieso versöhnt. Und bis auf ein paar SMSe des Inhalts „erste aufgabe: sie müssen bänke auf spielplatz zählen. es sind 22. dann müssen sie... die ritterin soll sich scheiden lassen“, und „um es mit thomas mann zu sagen: ich kann es nun nicht mehr“ , hält sich der Lange überraschend gut.
  Weil wir grad vom Muttertag reden: Mein Ansinnen, diesen Anlass mit der verdienten Ignoranz zu belegen, wurde vom Kindergarten hinterrücks sabotiert. Die Kinder überreichten ein einigermaßen selbstgebasteltes und dennoch brauchbares Geschenk und sangen ein Lied, welches mit „Liebste Mutter“ begann und recht schnell in die Zeile mündete: „Du hasts nicht immer leicht mir mir, aber ich habs auch nicht immer leicht mit dir“. Soviel anlassunangemessene Ehrlichkeit rührt selbst eine harte Nuss wie mich.
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