20.06.07

Die Frage der Stunde

Doris Knecht | 06/07 | Kurier-Kolumne

Ich habe mir den Unmut einiger meiner Leserinnen und Leser zugezogen;  die meisten davon wohnen im Gemeindebau. Ich hätte, schreiben sie, keine Ahnung, wie es dort zugehe, welchen Belästigungen man ausgesetzt und wie hilflos man sei, wenn man eigene Rechte durchzusetzen versuche; zum Beispiel das Recht auf einigermaßen ungestörte Nachtruhe. Und wenngleich ich keineswegs in einem Elfenbeinturm am Cobenzl wohne, räume ich ein: Das stimmt.
Frau M. ist in einem Gemeindebau aufgewachsen, ihre Eltern leben noch immer da; aber das Leben habe sich massiv verändert: vor allem deshalb, weil so viele Eltern sich nicht um ihre Kinder kümmern, sondern sie, und diese Beschwerde findet sich in  praktisch allen Leserbriefen, von früh bis immer später in die Höfe zum Spielen und was auch immer schickten, auf dass sie nicht in den Wohnungen herum nerven. Das Problem sei, dass die Kinder dabei mit keinerlei Anweisungen zur Rücksichtnahme ausgestattet würden, ja das Wort gar nicht  kennten. 
Frau B. schreibt, „ja, wir waren auch einmal klein… mit dem feinen Unterschied, dass es Zeiten gab, wo Kindern noch mitgeteilt wurde, dass sie nicht allein auf der Welt sind“. „Es geht im Prinzip um unerzogene Kinder, denen man das aber nicht so sehr vorwerfen kann, wie deren Eltern“, schreibt Frau R. Und Frau M. erzählt von jenem Abend im letzten Herbst, als der Orkan Kyrill auf Wien zufegte und im Hof ihres Hauses trotz Sturmwarnung etliche Kinder spielten.  „Was ist bitte mit diesen Eltern los?“ fragt sie: Und das ist, angesichts immer mehr adipöser, komatrinkender, verwahrloster Kinder vermutlich die Frage der Stunde.
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