20.06.07

Minus 60 Punkte

Doris Knecht | 06/07 | Beschwerden | Falter-Kolumne | Frauen / Männer | Kinder und andere Mitbewohner | Unter Spießern

Eben hab ich für mein Müsli eine Orange geschält, filetiert, kleingehackt und in den Mistkübel geschmissen. Ich war in Gedanken. Ich dachte über Schopenhauer nach, weil mich Honzo dieser Tage mit Aphorismen eindeckt, und in diesen ging es darum, dass einem beim Lesen die Arbeit des Denkens zum Großteil abgenommen werde, Lesen also eher dumm mache, womit Honzo mich zu beruhigen trachtete. Ich weiß aber, dass Honzo es nicht begrüßen wird, wie ich Schopenhauers Gedanken, wie Rainald Goetz in seinem Blog schreibt, „brutalisiert und auf die letzte Banalität runter-reduziert“ habe. Das schreibt Goetz aber über die Unfähigkeit eines Spiegel-Redakteurs, einen komplexen Sachverhalt wiederzugeben, und das lesen Sie bitte selbst nach, sowie alles, was Goetz  in den letzten Monaten geschrieben hat, und was ich jeden Tag wie süchtig einsauge, ohne dass es meine fortschreitende Verdummung aufzuhalten im Stande wäre. Ich glaube aber nicht, dass es Alzheimer ist. Es liegt daran, dass, wie ich dieser Tage endlich von Ö1 bestätigt bekam, Eltern pro Kind 20 IQ-Punkte verlieren und pro Strandurlaub ebenfalls 20, was bedeutet, dass mein IQ derzeit ungefähr der Watt-Stärke einer Energiesparlampe entspricht.
 Auch die Kinder finden mich momentan, wenn auch aus anderen Gründen, eher blöd, sind aber gerade nicht anwesend, um mich daran zu erinnern, denn der Lange ist dran mit Mimis im Freibad glücklich machen. Gestern war ich dran. Wir gehören nämlich zu den modernen Paaren, die, wie Eva Menasse unlängst im Feminismusschwerpunkt dieser Zeitung bedauerte, den „schrecklichen Fehler“ begehen, ihre „Koch-, Putz- und Kinderbetreuungseinheiten“ ziemlich genau abzurechnen. Und zwar, weil ich die Feststellung gemacht habe, dass es bei den meisten modernen Paaren um mich herum, die, wie Menasse fordert, „aufs Große und Ganze gesehen für Ausgleich und Gerechtigkeit“ sorgen, meistens ziemlich schnell wieder darauf hinausläuft, dass der Mann zum Jagen in Wälder zieht, und die Frau zuhause Zuhause und Brut betreut. Was dann so klingt: „Er hat jetzt diesen tollen Job und verdient endlich super, und ich lebe ja auch von dem Geld.“ Und so: „Er erträgt den Spielplatz einfach nicht.“ Und so: „Ich bin froh, dass ich eine Zeitlang nicht arbeiten muss, der Job hat mich schon so genervt.“ Und so: „Er erträgt das Freibad einfach nicht“. Und so: „Wenn ich´s selber mache, ist es doppelt so schnell erledigt, und die Kinder nervt das auch, wie ungeschickt der sich anstellt. Der soll sich ums Auto kümmern, ich mach die Kinder.“ Meine Erfahrung: Gerechtigkeit in Familien gibt’s meistens nur, wenn um jeden Zentimeter Rechte und Pflichten verhandelt wird, wobei man natürlich nicht immer so lieb und locker und auf eine moderne Weise entspannt aussieht, wie man das gerne würde, sondern manchmal auf extrem unlässige Weise erbsenzählerisch. Aber bei einem IQ wie meinem ist das auch schon wurscht.
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