14.06.07

Mir ist so fad

Doris Knecht | 06/07 | Falter-Kolumne | Freunde | Kinder und andere Mitbewohner | Schuld und Sühne | Unter Spießern

Das kühlste, was ich diesen Monat oder dieses Jahrtausend gesehen habe, war, wie Amy Winehouse bei den MTV Movie Awards „Rehab“ vortrug. Ich glaube nicht, dass das in absehbarer Zeit zu übertreffen sein wird, auch wenn das, was Vesely über Dylans Zürcher Hallenstadion-Auftritt berichtet, auf einen schönen Lauf des Meisters schließen lässt. Gut, Amy Winehouse ist zu dünn, was in ihrem Fall aber eine maximierende Wirkung auf ihre eh schon riesige Stimme hat und ihr zudem ermöglicht, winzige, schwarze Kleider zu tragen, die ihre Millionen Peckerl prächtig zur Geltung bringen. Unten turmhohe High Heels, oben turmhohe Haare, dazwischen Tanzminimalismus und schlechte Laune, bloß nicht lächeln, könnte als Anbiederung ausgelegt werden. Zum Schluss klatscht Winehaus seitlich dreimal in die Hände, mit ihren ziemlich outen Friseurinnenfingernägelfingern, und es ist so sagenhaft lässig, dass man sich fragt: Weiß sie das? Woher weiß sie das? Hat sie das wo gesehen? Oder hat ihr das wer beigebracht, ein Choreograph, hat er gesagt, du, Amy, schau, ganz zum Schluss klatscht du dir dreimal in die Hände, so seitlich neben der Hüfte, das schaut endkrass cool aus, und wir machen dir vorher noch eine total oute Friseurinnenfrenchmanicüre, damit machst du sie alle platt, und sie hat gesagt, na gut, wenn du das sagst, dann mach ich das halt?
  Über so Zeug hirne ich, vermutlich, um mich davon abzulenken, dass mein Kind diese Woche schon acht Mal die Worte „Ich hasse dich“ sprach und sich heute schon wieder eine bessere Mutter ausgesucht hat. Ich konstatiere allerdings eine gewisse Wankelmütigkeit, denn während sie am Montag Mutter Hofinger, die gerade die Eisfach-Hegemonie hatte, als neue Erziehungsberechtigte vorstellte, war es heute Mutter Horwath, denn Mutter Horwath war grad da, ist immer nett zu kleinen Kindern, weiß, wie man Grieskoch macht und hat, wie das Kind weiß, eine weit freizügigere Einstellung zu elektronischen Massenmedien, was in den Augen meiner Kinder eine zwingende Voraussetzung fürs Kinderkriegen sein sollte.
   Aber ich bin nun mal der Meinung, dass Kinder nicht fernsehen sollen. Mir ist aber so fad, sagt das Kind. Das ist gut, sag ich. Denn ich bin der Meinung, dass Kinder sich unbedingt tüchtig langweilen sollen, weil fast immer kommt etwas Gutes dabei raus. Es ist ein relativ junges gesellschaftliches Prinzip, dass Kinder 24 Stunden am Tag unterhalten, beschäftigt und entlangweilt werden müssen, weshalb man sie, weil man als Eltern ja nicht ununterbrochen Kartenspielen, Puzzles puzzeln und in Barbiesprache piepsen möchte, halt irgendwann vor den Fernseher setzt. Worüber gern vergessen wird, dass Langeweile keineswegs unter die Misshandlungskategorien fällt, sondern im Gegenteil. Solls ihnen fad sein, das nervt zwar, aber früher oder später machen sie was daraus. Mein Kind zum Beispiel lernt jetzt Buchstaben sinnvoll zusammenzusetzen. ICH HASE DICH. Kühl, Baby, machst du toll.
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