Doris Knecht
| 06/07
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| Unter Spießern
Diesmal sind wir einen halben Tag vor den Horwaths im Landhaus der Horwaths und hallo, ist der Garten grün. Fett. Alles explodiert in Blatt, Blüte und Frucht und, schau, die Ribisel sind auch reif, sie sind so reif und süß, dass sie die Kinder freiwillig mit vollen Händen in ihre Mäuler schaufeln. Wenn die Ribisel im Garten meiner Oma selig so reif war, plegte meine Oma uns Kinder und wen sie sonst erwischen konnte, mit Küberln zu behängen, und die Ribiseln wurden, bevor sie die Sonne vertrocknen und die Vögel fressen konnten, abgenommen, abgebeerlt, zu Marmelade verkocht, tschüss bis nächstes Jahr. Und weil ich so eine Streberin bin und immer die Suprigste und Patenteste sein will, nehm ich mir gleich ein Küberl und brock die Ribisel, und noch ein Küberl und noch eins, und während ich meinen Rücken trotz Hexenschusswarnung nicht schone, fühle ich mich unglaublich gut: Ich bin nämlich keine von denen, die
aufs Land fahren wie in eine Ausstellung, also so eine, die auf Highheels zum Rittersporn stöckelt und „herrliche Lupinien!“ kreischt. So eine bin ich nicht. Nein, ich fahre in die Natur, um Teil von ihr zu werden. Ich sehe die Arbeit, die einem Natur abverlangt und drücke mich nicht vor ihr; so eine bin ich. Ein Küberl geht noch, und noch eins, bis in der Horwath-Küche zwei riesige Schüsseln voller Ribisel stehen und ich sehr stolz sein kann auf mich und meine unkompliziert-zupackerische Veranlagung.
Aber so bin ich halt. Als zwei Tage zuvor ein Schweizer, den ich nur grad so über gemeinsame Freunde kenne, bei uns vorbeischaute, blieb ich gelassen, als der Schweizer an der Schwelle meiner Küche sagte, dieser IKEA-Boden sei wohl schon da gewesen, als wir einzogen. Da war ich, obwohl hinter dem Schweizer in flammenden Lettern die Worte EIN SÜDSEELAVASCHWARZ GEBEIZTER, RITTERSPORNSAMENÖLGEBÜRSTETER KOALAWURZELNUSSBODEN! DAS WÄRE COOL! NICHT SO EIN LÄRCHENBRETTERMASSAKER, DU MUTTER!! an meiner Küchenwand aufleuchteten, ganz tapfer und sagte: Nein, der Boden ist ziemlich neu, ich habs gern einfach, gefällt mir so. Und später faltete sich der Schweizer in unserer engen Stube hinter den IKEA-Tisch, und während die Kinder in Prinzen- und Prinzessinnenkostümchen um ihn tanzten, als wärs ein Familienidyll-Klischee-Slasher von Chabrol, sagte der Schweizer: Gemütlich habt ihrs hier. Also er sagte: Schön spießig habt ihrs hier, aber das sagte er nicht. Ich zeigte ihm mein glücklichstes Grinsen und sagte, danke, weil, um es in den Worten von Binder & Krieglstein zu sagen: Alles verloren.
Genau das sprach auch aus den Horwath-Augen, als er der Ribisel in seiner Küche ansichtig wurde. Weil die hätten noch gut zwei Wochen am Strauch vertragen. Und er, Horwath, hänge ja mehr dem Prinzip des Naschgartens an; er sei eigentlich nicht so turbokapitalistisch ernte-verarbeitungsfixiert. Den ganzen Sonntag schämte ich mich und schwor mir, dass ich fortan nicht mehr so eine Streberin sein werde, nein; vorbei.
Zum Glück gibt es Menschen, die die Ribiseln hören, wie sie flüstern „zupf mich ab ... zupf mich ab“, wie Goldmarie, das Brot hörte, wie es rief „hol mich raus“. Natürlich kann das Goldmarie-Syndrom auch zur Belastung werden ... mit Strebertum hat es gewiss nichts zu tun.