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| 07/07
Kurier-Kolumne
Zwei wichtige Jubiliäen prallen dieser Tage aufeinander: Zum 30. Mal jährt sich der Tag, an dem der amerikanische Schnell-Bräter McDonalds den Österreichern den ersten Burger verfüttert hat, zum 60. Mal jenes Datum, an dem Arnold Schwarzenegger zum ersten Mal den Saund des steirischen Idioms vernahm.
Die Wechselwirkung dieser gleichermaßen invasionären Ereignisse ist offensichtlich: Die Amerikaner schickten uns die gebratene, plattgemachte Kuh zwischen zwei halben Weckerln, wir ihnen eine Eiche auf zwei Beinen, die mittels Über-Brat-Technik alles plattmachte. Die Amerikaner zeigten uns, wie man ohne körperliche Strapazen die Oberarmplastik (und den Restkörper) mit Eigenfett maximiert, Arnold strapazierte die Körper filmböser Amerikaner (und Unamerikaner) maximal kraft seines plastischen Oberarms.
Die Amerikaner brachten uns bei, wie man Menschen durch Totaleinsatz von Stanitzln voller fettiger Pommes in lebende Birnen verwandelt, Arnie zeigte den Amerikanern, wie man, auch behelfs steirischer Äpfel, zum totalen menschlichen Stanitzl wird. McDonalds lehrte uns, wie man die individuelle Herstellung gemeinsamer Mahlzeiten und deren Verzehr in privaten Räumen durch schnelle aushäusige Verpflegung ersetzt, Arnold Schwarzenegger verzehrte.... hm, da reißt mir jetzt die Assoziationskette ab.
Aber beide setzen nun zur Weltoptimierung auf die Steirerfabe Grün: Gouverneur Schwarzenegger möchte Kalifornien zum grünsten Bundesstaat der USA machen, McDonalds die horizontale Expansion des Individuums mit grünem Salat und anderem Gesundangebot stoppen. Steirische Äpfel sind, vermute ich mal, auch dabei.
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| 07/07
Kurier-Kolumne
Am sehr heißen Dienstag letzter Woche besuchte Frau G. das Döblinger Bad, kühlte sich mit ihrer Tochter im Wasser ab und beobachtete, wie ein etwa 50-jähriger Mann vom Beckenrand sprang: fraglos eine Regelverletzung. Ein Bademeister habe sofort wild gepfiffen, was der Mann, weil er mit zweien seiner Kinder beschäftigt war und weil im Döblinger Bad permanent gepfiffen werde, nicht auf sich bezog. Worauf der Bademeister auf ihn zugestürzt sei und ihn übel beschimpft habe, bist du derisch und so weiter.
Der Mann entstieg dem Wasser, erklärte höflich, er habe nicht gewusst, dass der Pfiff ihm galt, und er werde nicht gerne so angebrüllt: was er verbrochen habe. Der Bademeister habe sich wie ein aggressiver Kampfhahn (Kopf vor, Schultern zurück, Brust raus) vor den Herrn gestellt und, diesen duzend, weiter gebrüllt, worauf in Frau G. der Verdacht keimte, die offensichtlich persische Herkunft des Herrn könnte von Belang sein. Dieser forderte den Bademeister zu Respekt auf, sowie ihn nicht zu duzen. Da verwies ihn der Bademeister des Bades, was der Mann, der für sich und seine Familie eine Monatskarte hat, zu ignorieren trachtete, worauf er, seine österreichische Frau und die drei Kinder, eines ein Baby, von Bademeistern umzingelt wurden, bis die Polizei eintraf.
Obwohl Frau G. und andere Badegäste gegen diese Ungerechtigkeit und die Respektlosigkeit des dafür scheints berüchtigten Bademeisters protestierten, wurden Mann, Frau und die verstörten Kinder nach einer ergebnislosen Konsultation des stv. Bad-Managers aus dem Freibad entfernt.
Die Entschuldigung der Verantwortlichen bei der Familie sollte sehr angemessen ausfallen.
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| 07/07
Kunst & Kultur
Gute Nachrichten, endlich. Schöne, harmlose, aufmunternde Sommerloch-Nachrichten. „Erstmals Kugelgürteltier in Schönbrunn geboren“! Ja. Kein Pandababy, aber trotzdem. Erstmals Kugelgürteltier in Schönbrunn geboren: Da steckt doch nicht nur eine positive Neuigkeit drinnen, nein, die von bad news gemarterten Leser können sich an gleich drei Fühl-gut-Aspekten erwärmen und erfreuen.
Erstens: Kugelige Bäuche und Babys, das findet jeder spannend. Immer wieder ertaunlich, aber: Jede noch so semirelevante Schnepfe wird plötzlich doppelt bis 3,5 Mal so interessant, wächst ihr plötzlich ein Wamperl: Da will jeder wissen, was genau drin ist und auch, was sonst noch wächst: Wird sie so blad wie Salma Hayek oder bleibt sie so ein Knochengeschepper wie Dings? Bäuche sind super, Babys ebenfalls, und wenn grad keine VIP-Frauen niederkommen, tun’s auch exotische Tiere.
Weil zweitens: Was ist ein Kugelgürteltier? Nie gehört, aber Wikipedia weiß wie meistens Bescheid: Kugelgürteltiere (Tolypeutes) (...) sind die einzigen Gürteltiere, die sich im Bedrohungsfall zu einer Kugel zusammenrollen können. Aha! So! Danke. Wird man sich nächstens im Tierpark genauer anschauen müssen.
Weil es ja, drittens, in Schönbrunn erstmals so ein verkugelbares Baby-Gürteltier gibt, also ein total exklusives Kleintier praktisch. Und wenngleich Kugelgürteltierjunior kein Minipanda und kein Knut ist, ein kuscheliges, haariges süßes Babytier ist es allemal. Außerdem: Eisbären kann bitte jeder. Kugelgürteltiere dagegen... Und wartet nur, bis die Pandas endlich zuschlagen: Das werden gute, richtig gute Nachrichten. Da kann der dicke Knut aber einpacken.
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| 07/07
Kurier-Kolumne
Vorher: alles wunderbar. Saubere Waggons, freundliche Schaffner, die auch nett zu kleinen Kindern sind, eine ÖBB, wie man sie sich wünscht. Nachher: alles wunderbar. Saubere Waggons, freundliche Schaffner, die nett zu kleinen Kindern sind, eine ÖBB, wie man sie sich wünscht.
Leider muss dazwischen der Bahnhof St. Anton großräumig abgeriegelt werden. Gefahrengutunfall. Die Reisenden im OEC Gessner Werkstoffe werden nach einer kurzen Pause am Bahnhof Langen darüber informiert, dass der Zug nicht weiterfahren kann. Schienenersatzverkehr also: Busse werden in in 20 bis 30 Minuten am Bahnhofvorplatz starten.
Sowas kann passieren. Was aber garantiert ebenfalls passiert, wenn sowas passiert: Schlagartig verschwindet das gesamte Zugpersonal, das man um Hilfe bitten könnte, weil man alt oder gebrechlich ist oder allein mit kleinen Kindern und entsprechendem Gepäck reist. Mittlerweile vermute ich, dass es in jedem OEC geheime Panikräume fürs Personal gibt, in denen sich dieses, kaum tritt etwas Unvorhergesehenes ein, sofort verbarrikadiert. Alle weg.
Drei Busse fahren schließlich über den Arlberg, und nicht zufällig sitzen alle Reisenden mit Kindern im letzten, weil sich die Reisenden ohne Kinder mit faszinierender Rücksichtslosigkeit an bepackten, alleinreisenden Eltern, die ihre Kinder im Gewusel nicht verlieren wollen, vorbeidrängeln. Nicht nur kein Schaffner, niemand bietet Hilfe an. Erst als wir bei Schnann an einem überwachsenen Schotterweg ausgeladen werden, über den man zum wartenden Zug gelangt, packt ein Mann zu. Dann hilft eine Frau. Danach ist, bis auf 90 Minuten Verspätung, alles wieder wunderbar.
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| 07/07
Falter-Kolumne
Eine Woche lang wurde der allgegenwärtige Vorarlberger Rasenmäher-Soundtrack von der Welt-Gymnaestrada übertönt, jetzt ist Sonntag, alles still, alle weg, enjoy the Silence. Die Gymnaestrada ist vorbei, was mir Recht ist, nachdem mich die Mimis eine Woche lang gezwungen haben, jeden Nachmittag punkt vier den örtlichen Marktplatz aufzusuchen, um dort bis lange nach Sonnenuntergang internationalen Gymnastiktruppen jeglichen Alters bei der Ausübung ihres Lieblingshobbies beizuwohnen. Eh sehr schön, aber ungefähr am vierten Tag hatte ich Gwen Stefanis bei Jazzgymnastikern über die Maßen beliebtes „Wind It up“ einmal zu oft gehört und sehnte den Sound of Rasenmäher heftig zurück. Am fünften Tag konne ich es keine Stunde länger ertragen, zwischen der Kletterluftburg und dem Kletterfelsen des Alpenvereins zu stehen, und meinen Kindern dabei zu zusehen, wie sie sich in langen
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| 07/07
Kurier-Kolumne
Jetzt möchte ich auch mal übers Wetter schreiben. Über die Hitze und wie sie einen auf den Rüccken wirft. Und wie Menschen dazu bringt, echt schlechte Witze zu machen. Oder ich schreibe über den Zusammenhang von Wetter und Glück, was sich ein bisschen aufdrängt, weil eben wieder so einer Glücksindex veröffentlicht wurde, und danach sind die unglücklichsten Bewohner Europas jene Lettlands... nein, Estlands! (Vermutlich , weil die Esten von westlichen Idioten ständig mit den Letten verwechselt werden. Himmel, war der jetzt schlecht. Weil: die Hitze!)
Die Wahrheit ist aber, dass ich noch immer nicht im 38grädigen Wien, sondern ganz im Westen sitze , der recht moderat mit 29 Grad beheizt wird. Mitunter tue ich das auch in einem Gastgarten (ein Selbstversuch zur Erforschung des Wetter-Glücks-Zusammenhangs sozusagen), und weil wir gerne mehr Gesellschaft hätten, beschließe ich, den alten Schulfreund E. anzurufen.
Bloß ist in diesem Wirtshaus das Telefonbuch unauffindbar, also wird die One-Auskunft konsultiert, wo ich zuerst darüber informiert werde, dass mich dieser Anruf 1,35 Euro kostet. Wenn’s denn sein muss. Dann kriege ich einen freundlichen Herrn ans Telefon, dem ich E.’s Vor- und Nachnamen buchstabiere, die der dann, und das passiert mir nun schon zum wiederholten Mal, nicht findet. Worauf ich meine Mutter anrufe, die den E. ohne Weiteres aus dem Vorarlberger Telefonbuch blättert; und auch auf herold.at ploppt der E., wie ein weiterer Selbstversuch später zeigt, beim ersten Eingeben auf. Und zwar kostenlos. Da frage ich mich natürlich, wofür ich die 1,35 bezahlt habe. Das Wort „Nepp“ drängt sich ziemlich auf.
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| 07/07
Kurier-Kolumne
Leserinnen und Leser zeigten sich mehrfach verwundert über meine gestrige Kolumne, in der ich Anstoß daran nahm, dass viele Familien offenbar zu Unrecht bezogenes Kindergeld zurückzahlen müssen. Die Leser plädierten an mein Rechtsbewusstsein: Ich nähme schließlich auch keinen Taschendieb in Schutz, wenn dieser die 50 gestohlenen Euro zurückgeben müsse, warum also diese Familien.
Richtig; aber der Taschendieb weiß, dass er im Unrecht ist, die Gesetze über die Aneignung fremden Eigentums sind klar. Die meisten der inkriminierten Familien allerdings wußten aufgrund komplizierter Vorgaben nicht, dass sie ein Gesetz verletzen. Bzw. sahen sich durch eine Weisung des damaligen Sozialministers Haupt aufgefordert, das mit der Zuverdienstgrenze nicht so genau zu nehmen. Hier wurde von Politikern ein rechtlicher Graubereich geschaffen, auf den sich viele Bürger dann verirrten, was nun im Ätschibätsch-Prinzip plötzlich hart bestraft wird: Ein Vertrauensbruch, wie ich meine, weil verbockt hat das die Politik. Eine Amnestie wäre deshalb nur logisch.
Was anderes. Worüber ich brüte, seit ich eine entsprechende Meldung in im KURIER las: Finde ich es gut, dass die Richterin im BAWAG-Prozess sich unmittelbar vor dessen Beginn mit Reich, Schön und Wichtig bei der „Starnacht am Wörthersee“ zeigt? Zwei Tage gehirnt, und, nein, finde ich nicht gut. Mir wärs lieber, die Richterin würde sich privat bedeckt halten und den Eindruck vermeiden, sie nutze diesen wichtigen Prozess und die damit verbundene Prominenz als Eintrittskarte in die Klatschspalten. Das stärkt das allgemeine Vertrauen in die Justiz nicht: Korrigieren Sie mich, wenn ich mich irre.
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| 07/07
Kurier-Kolumne
Jetzt sollen 250 Familien dafür büßen, dass ein Gesetz, an dem mehrere Ministerinnen und Minister herumgedoktert haben, nicht funktioniert hat. Die Minister sind alle nicht mehr im Amt, aber die aktuelle Familienministerin, die vermutlich auch nicht ewig im Amt sein, aber dann durch die Ex-Amtswürde eher keinen finanziellen Schaden erleiden wird, will jetzt mal zeigen, dass sie übrigens nicht nur lustig ist. Sondern wenn nötig, auch mal ordentlich durchgreifen kann, total ohne Rücksicht auf ihre Beliebtheitswerte.
Boah, ist die tapfer. Und mei, ist die arm, denn die Ministerin weine, sagte die Ministerin, manchmal aus Verzweiflung ihren Ministerschreibtisch nass, und daran sieht man, dass die schon ein Herz hat, gell.
Ja, Kdolsky kann nichts für das Gesetz, das so misslungen ist, dass ein Gutachten schon vor Jahren davor warnte. Aber sie kann etwas dafür, dass es durch akkurate Exekution nun Unglück über viele Familien bringt. Ach, es werde zu keinen Härtefällen kommen, versicherte die Ministerin, für die 5000 Euro weniger vielleicht keine Härte und nur den Verzicht auf zwei, drei hübsche Kleider und ein paar Friseurbesuche bedeuten: Für die meisten Familien sind 5000 Euro weniger eine echte Härte. Und ein Unglück.
Auch wenn durch die Rückzahlung keine Kinder, wie die kinderlose Ministerin in ziemlich unangebrachtem Zynismus meinte, verhungern werden: 5000 Euro sind zwei bis vier Familienurlaube, 50 Kinderfahrräder, 200 bis 300 Paar Kinderschuhe, Kindergartengeld für fast zwei Jahre, gut 20.000 Windeln, Kindergewand für Jahre.
Damit haften Bürger, Familien, Kinder für missratene Gesetze. Die Politiker, die sie verbrochen haben, haften nicht.
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| 07/07
Kurier-Kolumne
Die Vorarlberger sind beleidigt auf die Wiener, aber puhh. Das Ländle-Zentralorgan Vorarlberger Nachrichten widmete gestern dem Grant auf die Wien und vor allem auf den Küniglberg (neben beängstigenden Überschriften: „Ärzte stehen stets Gewehr bei Fuß“) einen guten Teil der täglich mehrseitigen „Gymaestrada“-Berichterstattung.
Denn darum dreht sich der Vorarlberger Zorn: um die „Gymnaestrada“, hierzuländle gerne korrekt „Welt-Gymnaestrada“ genannt, was die globale Relevanz des Ereignisses betonen soll. Die allerdings, wie ein VN-Kolumnist bitter beklagt, von Rest-Österreich „praktisch ignoriert“ werde, und zwar vor allem von den „großen österreichischen Tageszeitungen“, wenngleich seine Behauptung, am Donnerstag hätten diese über das Weltturnfest „keine Zeile“ berichtet, erwiesenermaßen unrichtig ist, denn der KURIER hat, sowohl hier als auch im Sport. Sssso.
Und hier jetzt gleich noch einmal, denn die Vorarlberger Verärgerung ist verständlich: Die „Gymnaestrada“ ist ein perfekt organisierter Riesenerfolg und mobilisiert nicht nur die 22.000 Teilnehmer aus aller Welt, sondern abertausende begeisterte Einheimische, die die zahlreichen Vorführstätten täglich stürmen
Aber für den ORF am Küniglberg ist das Ländle halt sehr weit weg: So brach man etwa die vom Landesstudio Vorarlberg übertragene glanzvolle Gymnaestrada-Eröffnung einfach ab und berichtet abseits vom Regionalprogramm so gut wie gar nicht über die Veranstaltung. Selbst der sonst stets bis fast zur Bewußtlosigkeit besonnene Landeshauptmann Sausgruber ist verzürnt: Die restösterreiche Ignoranz sei „absolut unerfreulich“. Dem kann man beipflichten.
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| 07/07
Kurier-Kolumne
Vorarlberg, wo ich mich gerade aufhalte, vibriert unter der Gymnaestrada, und was soll ich sagen, es ist total nett. Natürlich bietet es sich meinereiner erst einmal an, billige Witze über diese einwöchige internationale Gymnastik-Treffen zu machen, über kanadische Hopskinder und dänische Rentnerinnen in Stretch-Gewand, die in Fussballstadien und auf Dorf-Bühnen Rhythmusgefühl und Gelenkigkeit bis an den Rand ihrer Möglichkeiten strapazieren.
Aber wenn man vor einer dieser Dorf-Bühnen steht, ist es gar nicht zum Witzeln: Es ist erstaunlich; es ist beeindruckend, es macht Freude, Menschen dabei zuzusehen, wie sie gemeinsam etwas herzeigen, das sie lange zusammen geübt haben. Da applaudiert man richtig gern. Es macht allen Freude, denen oben und denen unten, und Dauerregen hin oder her: Vor der Bühne ist es immer voll.
Etwa 22.000 Teilnehmende aus 56 Ländern übernachten derzeit in vorarlberger Schulzimmern auf Luftmatratzen, um tagsüber zu zeigen, was sie daheim monatelang trainiert haben. Das Netteste an der Veranstaltung: Sie ist wettbewerbsfrei. Und sie funktioniert wahrscheinlich gerade deshalb so gut, weil sie ganz ohne Wettbewerbe auskommt: Es geht bei der Gymnaestrada nicht darum, wer die Schnellste, der Beste, die Biegsamste, der Perfekteste ist, es geht nicht um Millimeter und Hundertstelsekunden, es herrscht kein Leistungsdruck. Niemand verliert, alle miteinander gewinnen.
Das führt zu entspannten Gesichtsmuskulaturen bei den Beteiligten, zu guter Stimmung im Publikum und zu schwer beeindruckten Kindern, die auf Bierbänken stehen und staunen und sowas auch können wollen. Gut so. Heute gehen wir wieder hin.
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| 07/07
Kurier-Kolumne
Wissenschaftsminister Hahn hat zur Umsetzung einer guten Idee - dem verpflichtenden Vorschuljahr - eine weitere: Eltern, die ihren Kindern die Vorschule vorenthalten, soll die Familienbeihilfe gestrichen werden. Von diesem Vorschlag kann man zweierlei halten: Man kann ihn effizient nennen, weil finanzieller Druck meistens effektiver Druck ist; oder man kann es beängstigend finden, dass ein Minister, der gerade einmal ein paar Monate im Amt ist, eine allen Familien zustehende Unterstützung zum Mittel der Erpressung machen darf.
Die Maßnahme soll vor allem Familien mit Migrationshintergrund treffen, und ja: Es ist absolut notwenig, dass Erwachsene und Kinder, die in Österreich leben wollen, auch unsere Sprache beherrschen.
Unter anderem deshalb, weil sie sonst nicht mitreden können. Und das ist es, was die Integrationsdebatte zusehends unerträglich macht: Dass sie nur von „echten“ Österreichern geführt wird, von denen sich viele permanent dazu gezwungen sehen, ihre Mitbürger mit Migrationshintergrund in Schutz zu nehmen und besonders gnadenlose Zwangsintegrationsmaßnahmen zu beanstanden.
Dabei müssten Einwände und Gegenvorschläge von anderen kommen: Von migrationshintergründigen Ministerinnen, Parlamentariern, Journalistinnen, Lehrern, Kindergartenpädagogen und Elternvertreterinnen. Wo sind die? Wieso haben wir in Österreich keine politische, kulturelle und intellektuelle Elite mit Migrationshintergrund? Wo bleibt der Ehrgeiz, in Institutionen mitzuwirken, die es ermöglichen, das Leben in diesem Land mitzugestalten? Und auch wirklich den Mund aufzumachen? Und etwa zu sagen: Das ist eine Sauerei. Oder auch mal: Gut so. Das fehlt dem Land.
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| 07/07
Falter-Kolumne
Jetzt, wo Madonna und Al Gore die Welt gerettet haben, können wir uns wieder den wichtigen Dinge zuwenden, also meinen. Wobei, ich rette die Welt auch, ich reise mit dem Zug, was nicht alle Mitreisenden der 1. Klasse im

gleichen Maße akklamierenswert finden, als sie unser ansichtig werden. Zwei kleine Kinder mit glockenhellen Stimmen und eine Mutter in fleckigen Hosen und mit einem wenig vertrauenserweckenden
Mae-West-Spruch quer über der Brust: Wenn ich gut bin, bin ich gut, wenn ich schlecht bin, bin ich besser. Mehrere Passagiere springen auf, Panik im Blick, um sich dann des Umstands gewahr zu werden, dass die 1. Klasse bis auf den letzten Platz besetzt ist. Was eine kurze, trügerische Hoffnung in ihnen weckt, aber ätschibätsch, wir haben drei reservierte (und, falls mir wieder wer Journalistenprivilegien unterstellen will, mit meinem selbstverdienten Geld finanzierte) Plätze. Wieder einmal wabert dick wie Pudding die Frage durch den Waggon, ob man das eigentlich darf, Kinder in der 1. Klasse mitführen, und falls ja, wann das endlich verboten wird. Aber die Mimis geben ihren Mitreisenden allen Grund, taub vor schlechtem Gewissen über ihre miesen und grundfalschen Vorurteile Kindern gegenüber in ihren Ledersitzen
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| 07/07
Kurier-Kolumne
Der erste Werbespot, den der ORF am Klimatag unmittelbar nach Al Gores Klimawandelwarn-Film „Eine unbequeme Wahrheit“ sendete, zeigte, wie ein junger Mann sein Glück findet: Der Bursche radelt mit einem Klapperrad die Wiener Höhenstraße hinan, wird von eie paar Mädeln im Cabrio überholt und ob seines statusfreien Gefährts verspottet, aber, tadaaaa: Schon hilft ihm seine Bank bei der Erfüllung seines Traums und er kann im blauen Sportwagen den Frauen hinterher und damit dem Glück entgegen jagen.
Der Spot, ein unauffälliger Bank-Spot, wird erst interessant in der Brechung durch den Gore-Film, der einem Minuten vorher eh nett erklärt hat, dass der größere und schnellere Wagen wohl kurzfristiges privates Glücksgefühl zu generieren vermag, langfristiges aber globales Unglück zur Folge hat. Und dass nur die massenhafte Revidierung individueller Glücksparameter die Zerstörung des Planeten abzuwenden vermag.
Also wieder einmal die Frage: Was ist Glück? Dass im entbehrungsgezeichneten Nachkriegsdenken Glück auch bedeutete, weite Strecken nicht mehr mehr zu Fuß, per Rad oder mit dem Bus zurücklegen zu müssen, sondern bequem im eigenen Kraftfahrzeug, ist logisch: Und eine Glücksidee, die sich allmählich überholt, wie Salzburger Erfahrungen zeigen. Dort wurden heuer so viele Fahrräder verkauft wie nie zuvor, und die Salzburger legen statt wie bisher 100.000 Mio. jährlich schon an die 140 Mio. Kilometer mit dem Rad zurück. Weil Glück heutzutage auch mit Bewegung, Fitness und frischer Luft konnoiert ist, das Auto dagegen mit Parkplatzsuchen, Stau und schlechtem Gewissen.
So gesehen ist Glück ist vielleicht ein Fahrrad.
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| 07/07
Kurier-Kolumne
Ja, eh. Schadenfreude ist böse. Aber die Nachricht, dass Al Gore III, 24, zu schnell fuhr und wegen des Besitzes von Marihuana festgenommen wurde, dürfte bei einigen Menschen ein hämisches Grinsen bewirkt haben. Nicht zu Lasten des kleinen Gore, der einfach seine Adoleszenz im Rahmen seiner Möglichkeiten ordentlich zu genießen scheint.
Und nicht wegen seines Vaters Al Gore, neuer Own Personal Jesus der amerikanischen Öko-Bewegung, der dieses Wochenende mit Hilfe eines wenig umweltfreundlichen Weltkonzertereignisses, zum Teil gesponstert von der Autoindustrie, das Klima retten möchte. Sondern wegen Klein Al’s Mama, der berüchtigten Tipper Gore, die Mitte der 1980er zur Rettung der Jugend schritt, in dem sie Parental Advisory erfand, jenen Zwangsstempel auf CDs, der seither Jugendliche vor expliziten Texten und anderem Schmutz bewahren soll.
Was in der eigenen Familie offenbar nicht 100prozentig gelang, da erstens der Sohn sich nicht ungern an Shit zu delektieren scheint, während beim vom Gatten initierten Live Earth zahlreiche Künstler verbal tätig werden, deren Werk durch Tipper Gores Pickerl als anstößig geadelt wurde. Madonna zum Beispiel.
Zwei Milliarden Menschen soll mit Live Earth bewusst gemacht werden, das sie nicht nur das Problem, sondern auch dessen Lösung sind. „Die neue Ordnung des Ökodiskurses stellt jedes Individuum vor die Aufgabe, täglich das Richtige vom Falschen zu unterscheiden“, schreibt Robert Misik in der Zeit.
So gesehen scheidet Al und Tipper nicht viel: Auch Al Gore will dem Guten und Sauberen zum Sieg verhelfen. Auch wenn es beim Klimaschutz um andere Schmutzdimensionen geht als nur um dreckige Wörter.
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| 07/07
Kurier-Kolumne
Vier der schon 100.000 Wiener, die täglich mit dem Rad fahren, saßen vorgestern in einem Gastgarten am Donaukanal und gerieten in Streit. Nein, nicht Streit, aber es wurde hart diskutiert: Über das Radfahren auf dem Gehsteig, ein Problem, dessen kritische Betrachtung schon viele Leser eingefordert haben, allein, ich war mir nicht ganz sicher. Weil einen abrupt endene Radstreifen oft buchstäblich auf den Gehsteig treiben. Aber auch hier half die Auseinandersetzung, und jetzt weiß ich es: Ich bin dagegen.
Meine Freunde X und Y finden, die Verkehrsituation in Wien zwinge sie praktisch dazu, hin und wieder auf dem Gehsteig zu radeln: Immer noch gebe es viele Straßen ohne Radstreifen, und es sei teilweise lebensgefährlich, sich als einzelner Radfahrer unter die Autos mischen zu müssen. Stimmt. Woraus X und Y ein natürliches Recht ableiten, sich auf dem Gehsteig unter die Fußgänger zu mischen. Die müssen halt auch ein bisschen aufpassen.
Entschiedener Einspruch von Z: Aber nix müssen die aufpassen! Nicht auf einem Gehsteig! Dort, sagt die Erziehungsberechtigte Z, sollen sich Fußgänger ungefährdet bewegen dürfen, und es muss ihnen erlaubt sein, innerhalb des Gehwegs auch mal unkontrolliert auszuscheren, ohne dabei Gefahr zu laufen, von einem Radler gerammt zu werden. Kinder zum Beispiel. Und was soll das überhaupt, dass die Radfahrer ihren Zorn über die Privilegien der Stärkeren an die Schwächeren weitergeben! Macht nicht die Fußgänger, sondern den Bürgermeister dafür verantwortlich, dass er die angeblichen 1000 Kilometer Wiener Radwege nicht so zusammenstückelt, dass ihr darauf sinnvoll und schnell zur Arbeit und sonstwohin radeln könnt! Und was soll ich sagen: Recht hat sie.
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| 07/07
Kurier-Kolumne
Nur Minuten nach Erscheinen der gestrigen Kolumne traften bereits erste Mails von Männern ein, die sich über meinen jüngsten LiLäLa-Eintrag empörten, der von Herren handelt, die mit der Hand am Hosentürl das WC verlassen, Schlussfolgerung natürlich: unterlassene Griffelreinigung. Aber falsch. Tenor der Mails, ungefähr: Sie! Sie ahnungsloses Weib, Sie! Dieser Griff zum Hosenladen sei natürlich keinesfalls Hinweis auf mangelnde Hygienemodalitäten, sondern praktisch im Gegenteil ein überaus manierliches Nachfassen, ob denn der Hosenschlitz auch ordentlich verschlossen sei. Aha! Hier irrte Ihre Autorin also.
Hier irrte sie ebenfalls: Denn das Ramses Bellydance Outlet, das mich letzte Woche während einer Fahrt durch die Ottakringer Straße erheiterte, sei, wie mich verstimmte Leserinnen informierten, kein weiteres Sexlokal wie der Swinger-Club vis-a-vis in der ehemaligen Postfiliale. Sondern tatsächlich ein Ableger eines Bauchtanzbedarfsgeschäfts, mit dem eine tüchtige Unternehmerin die Ottakringer keineswegs weiter Richtung Abgrund schiebe, sondern im Gegenteil belebe. Es liegt mir selbstverständlich fern, diese Geschäftsidee zu sabotieren.
Und ich freue mich auch, dass das Familienunternehmen Leder Appel an selbiger Ecke seit fast 30 Jahren Möbel verkauft und dem Viertel auch künftig die Treue halten wolle, wie mir die Geschäftsführerin per Mail versichert. Desgleichen verfolgt eine institutionenübergreifende Initiative „Handwerk in Ottakring“ neben vielen anderen Aktionen das Ziel, kleine Handwerksbetriebe in leerstehenden Lokalen zu errichten: nette Idee. Denn was immer zur Diversifizierung der Ottakringer Straße getan wird: prima.
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| 07/07
Falter-Kolumne
Werden wir und wie werden wir die Pubertät überleben?, fragt der Lange, und das frage ich mich auch. Heute habe ich zum ersten Mal ein Tränchen verdrückt, weil mein Kind immer so gemein zu mir ist. Ja, peinlich; und während ich das Tränchen verdrückte, erinnerte ich mich mein spottsüchtiges Überich daran, wie ich mich über meine Schwester lustig machte, als sie mir erzählte, dass ihr Kind sie zum Weinen bringt. Ein Kind, haha! Das soll mir mal kommen, das Kind! Naja, aber das Schwestern-Kind war drei, der Hass von Dreijährigen ist unkonkret, amöbig und radikal situationsabhängig, das ist ein Hass so weich, mild und süß wie Grieskoch. Und: frei von Verachtung. Diesem Hass ist noch kein Verletzungswille immanent, der schlägt noch nicht den Putz von der Wand. Aber mein Kind ist fünf, das ist ein Unterschied. Der Hass einer Fünfjährigen kann schon mehr. Der ist mehrzellig. Der hat
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| 07/07
Kurier-Kolumne
Was sind das für Leute, die an einem Sommersonnntagmorgen um halb sieben ihren Sack voll Altglas im Container entsorgen, schön Flasche auf Flasche? Da möchte man, wäre man nicht so müde, ans Fenster treten und rufen: Was sind Sie denn für einer?! Was haben Sie denn für ein Problem?! Was für eine Sorte Hass tragen Sie denn mit sich rum?!
Aber man bleibt, weil man zu müde ist und die anderen Nachbarn nicht noch schlimmer quälen will, im Bett liegen und brüllt nicht hinunter, sondern wartet das Ende des Flaschengeklirrs ab: Aber eine hat er noch, und noch eine, und eine noch, und als endlich wieder ein einem Sonntagmorgen angemessener Friede herrscht, bin ich so unwiderruflich wochentagsmunter, dass ich aufstehe, mein Notizhefterl hole und mir aufschreibe: LiLäLa – Entsorgen von Altglas am Sonntag vor acht Uhr früh. Nein: neun! Noch besser zehn.
Apropos Liste Lässlicher Laster: Meine Freundin S., die in Hamburg lebt, macht mich auf die männliche Unart aufmerksam, öffentlich das Gemächt in der Hose ummadum zu rücken. Stimmt, aber mit diesem Phänomen hat sich erst kürzlich die geschätzte Kollegin Kuhn in ihrer Freizeit-Kolumne erschöpfend beschäftigt.
Was ich aber wohl in die LiLäLa aufnehmen möchte, ist eine damit eng verwandte und buchstäblich weiterreichendere Unart: Die Angewohnheit vieler Männer, das WC noch mit der Hand am Hosentürlverschluss zu verlassen, was wahrscheinlich irgend einen archaischen Alphadingshintergrund hat, vor allem aber wie mit dem Megaphon die Botschaft in den Raum brüllt: Der! Hat! Sich! Die! Hände! Nicht! Gewaschen! Und das geht ja gar nicht.
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| 07/07
Kurier-Kolumne
Wenn man die Kindergartenpädagogik ernster nehmen würde, käme man vielleicht nicht auf die Idee, schon Dreijährige Leistungstests unterziehen zu wollen. Der ÖVP-Bildungssprecher Fritz Neugebauer hat das vorgeschlagen, aber: Das Problem sind ja nicht die Bildungsstandards der Dreijährigen.
Das Problem: In manchen Teilen Österreichs werden Drei- und Unterdreijährige jeden Tag hervorragend von engagierten Kindergartenpädagoginnen betreut, die rechtzeitig erkennen, wenn ein Kind tatsächlich Entwicklungsdefizite oder ein Problem, etwa beim Sprechen, hat. Aber in anderen, weiten Teilen Österreichs nicht.
Die Entwicklungsdefizit-Problematik ist keine der Dreijährigen, sondern eine der Gesellschaft, die professionelle Betreuung von Unter-Fünfjährigen teilweise nach wie vor für überflüssig, ja, kontraproduktiv hält. Vor allem am Land ist der öffentliche Halbtagskindergarten für Fünfjährige oft der einzige vorschulische Kontakt mit Pädagogik.
Was nützt es also Familie Dings in Hinterpfiffing, wenn sie durch einen Test erfährt, dass der dreijährige Marvin dringend pädagogische Unterstützung bräuchte, es für Dreijährige in Hinterpfiffing und Umgebung aber keine Einrichtungen gibt? Was übrigens nicht zuletzt der ÖVP zu verdanken ist, die erst kürzlich von ihrem traditionellenFamilien-Bild abließ, nach welchem es für Kinder das beste sei, wenn sie bis zum Schuleintritt ausschließlich zuhause von ihren Müttern betreut würden.
Was es braucht: Flächendeckend Betreuungsplätze für DreiJährige, eine bessere Ausbildung, sowie mehr Anerkennung und Lohn für Kindergartenpädagoginnen. Das dürfte die Bildung der Unter-Dreijährige verlässlich sichern.
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| 07/07
Kurier-Kolumne
So, jetzt ist es überstanden. Die Ferien haben begonnen, auch für Philipp, ich nenn ihn einmal Philipp, in Wirklichkeit heißt er anders, aber er hat schon genug Schwierigkeiten, die will ich nicht weiter maximieren. Philipp ist 16, er hat mir letzte Woche ein Mail geschickt, ein höfliches, wohl formuliertes Mail, in dem er mir erzählt, wie er sich in der Schule mit einem Professor anlegte.
Mit allen anderen Lehrern sei er zufrieden und gut, schreibt Philipp, aber dieser eine sei halt so einer, der seinen 16jährigen Schülerinnen gern immer wieder über die Vorhautverengung von Ludwig XVI erzähle, und immer noch einmal, solche Sachen. Und als dieser Professor nun eine Mitschülerin auf miese Weise abschasselte, und dann eine andere Schülerin, die das ungerecht fand, niederbrüllte, fand Philipp, dass es angebracht sei, den Professor in höflichen Worten zu fragen, ob er vielleicht den Beruf verfehlt habe. Später habe er sich für die „unvorteilhafte Formulierung“ seiner Kritik entschuldigt, trotzdem wurde sein Vater vorgeladen und Philipp bekam als Betragensnote ein „wenig zufriedenstellend“. Und weil dafür auch die Hälfte der anderen Lehrer zustimmen müssen, kränkt Philipp sich sehr.
Was ich verstehe. Und zwar nicht nur deshalb, weil ich einst auch ein „wenig zufriedenstellend“ im Zeugnis hatte, nachdem ich während der Schiwoche beim Rauchen und während des Französisch-Unterrichts bei der Lektüre von H.C. Artmann erwischt wurde. Aber bei Philipp war’s Zivilcourage, war’s notwendiges Frechsein, war’s mutiges Eintreten für einen anderen Menschen. Und das hat unsere Gesellschaft so nötig, dass wir es unseren Kindern eigentlich nicht mit Betragensnoten austreiben sollten.