4.07.07

Die Scheißmutter schlechtin

Doris Knecht | 07/07 | Falter-Kolumne | Kinder und andere Mitbewohner | Schuld und Sühne

Werden wir und wie werden wir die Pubertät überleben?, fragt der Lange, und das frage ich mich auch. Heute habe ich zum ersten Mal ein Tränchen verdrückt, weil mein Kind immer so gemein zu mir ist. Ja, peinlich; und während ich das Tränchen verdrückte, erinnerte ich mich mein spottsüchtiges Überich daran, wie ich mich über meine Schwester lustig machte, als sie mir erzählte, dass ihr Kind sie zum Weinen bringt. Ein Kind, haha! Das soll mir mal kommen, das Kind! Naja, aber das Schwestern-Kind war drei, der Hass von Dreijährigen ist unkonkret, amöbig und radikal situationsabhängig, das ist ein Hass so weich, mild und süß wie Grieskoch. Und: frei von Verachtung. Diesem Hass ist noch kein Verletzungswille immanent, der schlägt noch nicht den Putz von der Wand. Aber mein Kind ist fünf, das ist ein Unterschied. Der Hass einer Fünfjährigen kann schon mehr. Der ist mehrzellig. Der hat Pfeffer. Da ist (und da fragt man sich natürlich, wie wird erst der Hass der 13-, der 16-jährigen?) schon enorme Verachtung drin, in Frage stellen, Alternativen wissen, wehtun wollen.
   Meine Fünfjährige fragt mich in sarkastischen Ton, ob ich mich eigentlich mehr um sie gekümmert habe, als sie noch ein Baby war. Herzlichen Dank, liebe Tochter, aber ich finde eigentlich nicht, dass Fünfjährige solche Fragen stellen sollten. Schon gar nicht Fünfjährige, die man nicht fernsehen lässt, damit sie länger Kind bleiben und nicht gleich so versaut werden von der Adoleszenz und ihren unschönen Begleiterscheinungen wie Konsumgeilheit, Selbstsucht, Gewaltbereitschaft und einem grundsätzlichen Misstrauen. Funktoniert aber offenbar nicht. Die kriegen das dann halt woanders mit. Meine Fünfjährige hat jedenfalls schon eine Ahnung davon, dass das mit dem Grundvertrauen in die Welt keine gute Idee ist, dass man sich lieber nicht auf nichts verlassen sollte. Stimmt ja, aber ich finde nicht, dass sie das jetzt schon wissen sollte. Und ich frage mich, welche Anlässe der Lange und ich ihr geliefert haben, jetzt schon ihr Kleinkind-Vertrauen einzutauschen gegen einen frühreifen Sarkasmus, im Paket mit diesem Duuu-brauchst-mir-gar-nicht-Blick. Die weiß schon zu viel. Das kümmert mich.
   Und es beunruhigt mich, wie viele Worte diese Fünfjährige schon kennt, um auszudrücken, wie sehr sie mich hasst, dass ich die depperste Mutter der Welt bin, die doofste Mutter, die blödeste Mutter, die mieseste Mutter, die gemeinste Mutter, die Scheißmutter schlechthin: diese Fünfjährige hat für ihren Hass bereits ein beängstigend reichhaltiges Formulierungsrepertoire. Aber gut: Ich bin erwachsen, verfüge über einen 35jährigen Lebenserfahrungsvorsprung, über die Gelassenheit der  späten Mutter und eine Schublade voller pädagogischer Leitlinien, und ich meine herrgottsack, ich bin mit den Kerlen im alten Flex fertig geworden und mit denen in der Falter-Redaktion, und das hier ist eine fünfjährige Kindergärtlerin, ich meine... echt. Jetzt wird mal kommunziert
   Aber die Kindergärtlerin kommuniziert nicht, bockt, dreht sich weg, ignoriert demonstrativ, läuft weg, hält sich die Ohren zu, singt laut oder brüllt bähbähbäh und verfällt, wenn ich sie am Arm erwische, in ein herzzerreissendes Geweine, so ein Sie!-Ich-werde-hier-misshandelt-rufen-Sie-schnell-das-Jugendamt!-Geweine, das ich von den Flex-Jungs und der Falter-Redaktion nicht kenne, und das mich, vor allem unter den Blicken einer interventionsbereiten Öffentlichkeit, in die mieseste Schlampe verwandelt, die Scheißmutter schlechthin. Ein Muttertränchen hülfe jetzt vielleicht.
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