20.07.07

Spiel schön weiter

Doris Knecht | 07/07 | Falter-Kolumne | Freunde | Kinder und andere Mitbewohner | Kunst & Kultur | Stadt/Land

Eine Woche lang wurde der allgegenwärtige Vorarlberger Rasenmäher-Soundtrack von der Welt-Gymnaestrada übertönt, jetzt ist Sonntag, alles still, alle weg, enjoy the Silence. Die Gymnaestrada ist vorbei, was mir Recht ist, nachdem mich die Mimis eine Woche lang gezwungen haben, jeden Nachmittag punkt vier den örtlichen Marktplatz aufzusuchen, um dort bis lange nach Sonnenuntergang internationalen Gymnastiktruppen jeglichen Alters bei der Ausübung ihres Lieblingshobbies beizuwohnen. Eh sehr schön, aber ungefähr am vierten Tag hatte ich Gwen Stefanis bei Jazzgymnastikern über die Maßen beliebtes „Wind It up“ einmal zu oft gehört und sehnte den Sound of Rasenmäher heftig zurück. Am fünften Tag konne ich es keine Stunde länger ertragen, zwischen der Kletterluftburg und dem Kletterfelsen des Alpenvereins zu stehen, und meinen Kindern dabei zu zusehen, wie sie sich in langen Reihen anstellen, um da raufzukraxeln und dann noch einmal. Da kannst du ja nicht mal weg, um dir ein Bier zu holen. Das dich wenigstens ein bisschen davon ablenken könnte, dass du in der Sonne stehst und UV-verstärkt brutal alterst. Du stehts nur einfach in der Sonne und alterst brutal.
  Immerhin; am Abend, nachdem die Mimis von den Großeltern abgeholt und Richtung Heia expediert wurden, feine Leute von früher getroffen: Menschen, mit denen man das Gespräch über die Elektrifizierung von Bob Dylan, das man 1985 oder 86 kurz unterbrochen hat, um schnell ein Bier zu holen, einen Beruf zu ergreifen und ein paar Kinder zu kriegen, einfach weiterführt, als wär nichts gewesen. Ah, du auch da. Es gibt im Leben noch stabile Parameter, danke; sehr beruhigend vor allem, dass diese Leute in der Zwischenzeit ihre Meinung nicht einfach so mir nichts dir nichts geändert haben like a blow in the wind: Na, du, der elektrische Dylan, mit dem kannst mich jagen. Mensch, Manni, das war 1966, hör dir doch wenigstens endlich einmal „Blonde on Blonde“ an. Nix!, fällt mir gar nicht ein. Ich hol mir noch ein Bier, du Pfeife, dir auch eins?
  Auf der Bühne dann kein Gehampel und Gehopse mehr, sondern eine Band, die man 1985 oder 86 schon in der exakt identischen Besetzung die exakt selben Nummern im exakt gleichen Arrangement spielen hat sehen. Dust my Broom und so. Sehen aber eigentlich alle noch gut aus, die Burschen, und mit dem Sänger würde man immer noch gern auf dem Motorrad über den Kummenberg rasen wie früher mal. Ein Unterschied zu früher ist allerdings, dass nun zwischen den Songs vereinzelt langhaarige Teenager beiderlei Geschlechts die Bühne erklimmen und sich breitbeinig vor den Herren aufbauen, worauf diese ihre Instrumente kurz abstellen, ihre Geldbörsen präsentieren und den Langzoderten grummelnd ihre Getränke-Bons aushändigen: Aber du kaufst dir kein Bier, hab ich mich klar ausgedrückt? Ist ja guhut, Papa, jetzt spiel schön weiter.
Das hat schon was, das Leben auf dem Dorf.
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