Doris Knecht
| 07/07
| Kurier-Kolumne
So, jetzt ist es überstanden. Die Ferien haben begonnen, auch für Philipp, ich nenn ihn einmal Philipp, in Wirklichkeit heißt er anders, aber er hat schon genug Schwierigkeiten, die will ich nicht weiter maximieren. Philipp ist 16, er hat mir letzte Woche ein Mail geschickt, ein höfliches, wohl formuliertes Mail, in dem er mir erzählt, wie er sich in der Schule mit einem Professor anlegte.
Mit allen anderen Lehrern sei er zufrieden und gut, schreibt Philipp, aber dieser eine sei halt so einer, der seinen 16jährigen Schülerinnen gern immer wieder über die Vorhautverengung von Ludwig XVI erzähle, und immer noch einmal, solche Sachen. Und als dieser Professor nun eine Mitschülerin auf miese Weise abschasselte, und dann eine andere Schülerin, die das ungerecht fand, niederbrüllte, fand Philipp, dass es angebracht sei, den Professor in höflichen Worten zu fragen, ob er vielleicht den Beruf verfehlt habe. Später habe er sich für die „unvorteilhafte Formulierung“ seiner Kritik entschuldigt, trotzdem wurde sein Vater vorgeladen und Philipp bekam als Betragensnote ein „wenig zufriedenstellend“. Und weil dafür auch die Hälfte der anderen Lehrer zustimmen müssen, kränkt Philipp sich sehr.
Was ich verstehe. Und zwar nicht nur deshalb, weil ich einst auch ein „wenig zufriedenstellend“ im Zeugnis hatte, nachdem ich während der Schiwoche beim Rauchen und während des Französisch-Unterrichts bei der Lektüre von H.C. Artmann erwischt wurde. Aber bei Philipp war’s Zivilcourage, war’s notwendiges Frechsein, war’s mutiges Eintreten für einen anderen Menschen. Und das hat unsere Gesellschaft so nötig, dass wir es unseren Kindern eigentlich nicht mit Betragensnoten austreiben sollten.
Wohl sinnlos und unmöglich, hier eine grundsätzliche Schuldiskussion abzuführen. Aber vielleicht sollte man doch zumindest die Schule nennen, deren Lehrkörper hier selbst ein nicht zufriedenstellendes Betragen zur Schau gestellt hat. Und die Frage, ob ein Lehrer möglicherweise seinen Beruf verfehlt hat, scheint mir grundsätzlich sehr legitim, zumal von einem persönlich Betroffenen, und oft leider mit "ja bzw. ziemlich" zu beantworten.