Doris Knecht
| 07/07
| Beschwerden
| Falter-Kolumne
| Kinder und andere Mitbewohner
| Schuld und Sühne
| Unter Spießern
Jetzt, wo Madonna und Al Gore die Welt gerettet haben, können wir uns wieder den wichtigen Dinge zuwenden, also meinen. Wobei, ich rette die Welt auch, ich reise mit dem Zug, was nicht alle Mitreisenden der 1. Klasse im

gleichen Maße akklamierenswert finden, als sie unser ansichtig werden. Zwei kleine Kinder mit glockenhellen Stimmen und eine Mutter in fleckigen Hosen und mit einem wenig vertrauenserweckenden
Mae-West-Spruch quer über der Brust: Wenn ich gut bin, bin ich gut, wenn ich schlecht bin, bin ich besser. Mehrere Passagiere springen auf, Panik im Blick, um sich dann des Umstands gewahr zu werden, dass die 1. Klasse bis auf den letzten Platz besetzt ist. Was eine kurze, trügerische Hoffnung in ihnen weckt, aber ätschibätsch, wir haben drei reservierte (und, falls mir wieder wer Journalistenprivilegien unterstellen will, mit meinem selbstverdienten Geld finanzierte) Plätze. Wieder einmal wabert dick wie Pudding die Frage durch den Waggon, ob man das eigentlich darf, Kinder in der 1. Klasse mitführen, und falls ja, wann das endlich verboten wird. Aber die Mimis geben ihren Mitreisenden allen Grund, taub vor schlechtem Gewissen über ihre miesen und grundfalschen Vorurteile Kindern gegenüber in ihren Ledersitzen
zu kleben, denn sie nutzen ihre Kinderprivilegien diesmal nicht aus. Sie brüllen nicht rum und laufen nicht durch die Gänge, sie singen und jodeln nicht, sie schimpfen und schmähen mich nicht.
Womit ich natürlich einen Haken in meine letzten Kolumne schlage, in der eine meiner Mimis mich von Herzen hassen gelernt hatte und diese neue Fähigkeit im Rahmen ihrer Möglichkeiten kultivierte. Diese Phase ist für erste wieder vorbei, und das sage ich nicht nur deshalb, damit ich keine Mails von Familientherapeuten mehr bekomme, die meinem Kind und mir professionelle Hilfe anbieten. „Sehr geehrte Frau Knecht, ich bedaure die Schwierigkeiten, die sie offenkundig mit Ihrer Mutterrolle haben“, schreibt mir ein Mag. Dr. D. „Da Sie diese mit großem Erfolg der öffentlichen Anteilnahme anheim stellen, nehme ich an, dass die Artikel für viele Mütter eine Art Ventilfunktion haben. Das ist nicht schlecht, aber das Thema Mutter /Elternschaft (parenting), das in anderen Ländern einen viel höheren Stellenwert hat als bei uns, verdient wesentlich ernster genommen zu werden. Von einem familientherapeutischen Coaching könnten Sie persönlich, Ihre Familie, Ihre Artikel und viele andere profitieren. Sie könnten von der erfolgreichsten Klägerin zum Thema Mütterleid zur Anwältin einer Bewegung für gelingende Elternschaft und gesundes Familienleben werden, in dessen Zentrum das Wohl der Kinder steht. (...) Mit freundlichen Grüßen, Mag. Dr. D.
Danke, Dr. D., das könnte ich. Die Sache ist so: Kolumnen über perfekt gesunde Familien mit problemlosen, einwandfrei parenteten Kindern interessieren keine Sau. Jedenfalls nicht von mir. Würde mir keiner glauben. Die Leute wollen sehen, wie mir, genau wie ihnen selbst, das Soufflé auch mal zusammenfällt, nicht wie es mir perfekt gelingt.
„Es war noch nicht üblich, sich im alltäglichen Sprachgebrauch als ein Rätsel, ein Fallstudie oder ein Problem zu begreifen, das nur darauf wartete, gelöst zu werden“, schreibt Ian McEwan in seinem neuen, Ende des Monats auf Deutsch erscheinenden Roman „Am Strand“, der 1962 spielt. Und obwohl ich die meisten Gepflogenheiten aus 1962 nicht zurückhaben möchte, bin ich doch nicht bereit, die Tatsache, dass meine Kinder Geräusche und manchmal Probleme machen, als unerträgliche Abweichung von der Normalität zu betrachten: This one goes out to the Reisenden der 1. Klasse genauso wie an die hilfsbereiten Therapeuten.