28.08.07

Die Nummer eins vom Wienerwald

Doris Knecht | 08/07 | Falter-Kolumne | Frauen / Männer | Kinder und andere Mitbewohner | Kunst & Kultur

Die Kinder sind ein paar Tage nicht da, Oma hat sie mitgenommen, und das hab ich weniger gern, als man mir zumuten würde. Ich hab es gar nicht gern. Ich hab die Kinder lieber um mich und in meiner Nähe, gut, wenn möglich: spielend, Bücher studierend, CDs hörend, zeichnend, malend, bastelnd, schlafend, ich bin eine Saumutter, die momentan am liebsten immer nur beim Richard Ford weiterlesen möchte. Aber kaum sind die Kinder nicht da, kann ich beim Richard Ford nicht weiterlesen, weil ich immer an die Kinder denke, und dass es mir lieber wäre, wenn sie da wären, in meiner Nähe, um mich herum, Matchbox-Autos neben dem Sofa herumschieben würden, süsses, gedämpftes Kindergeschnurre von sich gäben, behutsam Kuscheltiere über die Dielen hopsen ließen, ihnen Namen gäben wie Millililli Fitzikuhli und Hans Schneider, Häuser aus Vliesdecken und Stühlen bauten und ihre Dreiräder darin parkten, während ich über ihnen wie schwebte und mit Sonne im Herzen glücklich meinen Ford weiterläse. Was ich im Realitätsfall nicht könnte, weil sie in Wirklichkeit alle zwei Minuten Durst hätten oder ein Eis wollten oder fääääääärtiiiiig wären oder dieses bestimmte Tuch aus dem obersten Regal bräuchten oder sich den Kopf stößen und getröstet und mit einem coolpack geheilt werden müssten oder das Deckenhaus mit dem Dreirad zu Vlies gefahren hätten oder ein Äutile nicht fänden oder darum stritten oder was zeigen müssten oder was zeigen müssten oder was zeigen müssten: Mamäää, schau!, schau mal, Mamäää, jetzt schau doch her, Mamäää!
  Denn egal wieviele Personen sich im Raum befinden, das können zwei sein oder vier, oder es könnte zwei oder vier Mal der Lange sein, es ist immer Mamäää, die sich um diese Dinge kümmern und schauen, schauen, schauen muss, während die vier Langen ihre Zeitungen ungestört weiterläsen, über allem schwebend, mit soviel Sonne im Herzen, wie die Langen in ihrer gottgegebenen Misanthropie gerade noch ertrügen. Mamääää! Das ist einerseits eine Ehre, weil man natürlich in jedermanns Leben gerne die Nummer eins vom Wienerwald ist, die Blume aus dem Gemeindebau, die, nach der man sich verzehrt, die, der, der man als erstes von den dieser schönen Sache erzählt, und die man als letztes sehen will, bevor man die Augen schließt, aber im wahren Leben ist das Dasein als Number One of the Universe meistens mit den Beschwerlichkeiten der Maternität verbunden. Und wehe, du schaust nicht gleich, kriegst du gleich sowas zu hören: Ich hab übrigens den Papa lieber als dich, ich möchte, dass ich ihr euch trennt. Kein Scheiß. Woher sie so ein Glump nur immer haben.
  Woher ich den Ausdruck „die gelbe Sau“ habe – ich fand: PeterLicht – korrigierte jetzt Leserin Stefanie K. Das sei nämlich, behauptet die, von Projekt X, und das ist mir im Prinzip wurscht, weil das Projekt X ist grad so super. Die gelbe Sau also: © Projekt X.
Und das war das. Und das ist von Ford.

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