28.08.07

Schnäppchenjäger, grausliche

Doris Knecht | 08/07 | Beschwerden | Falter-Kolumne | Freunde | Kunst & Kultur | Schuld und Sühne | Unter Spießern

Jetzt hab ich mir bei ebay einen Küchenlampenschirm aus denn 30er Jahren um einen Euro ersteigert, 1 Euro!, womit ich schlagartig zum Mitglied der ekelhaftesten Sekte der Welt wurde, der Schnäppchenjäger. Weah. Aber ich muss, weil bald eine Inspektion von Spießer-Experte Schnitzler droht, eine paar der schlimmsten Leiner- und XXX-Lutz-Teile durch altes Zeug ersetzen, das so ausschaut, als hätte ich es von Oma selig geerbt, von der ich in Wirklichkeit als einzige Erinnerung eine elektrische Zitruspresse von Philipps, ca. 1982, besitze. Oder als hätte ich es mit unbestechlichem Geschmack spottbillig bei einem kleinen Tandler ums Eck und in New York und Odessa gekauft, wie zum Beispiel dieser Lampenschirm für die Küche, der das knallige Plastikklump ersetzen muss, das momentan dort hängt. Aber die Schnitzlers kommen demnächst zum Essen und der Schnitzler hat ein überaus sensibles Verspießerungssensorium; und die Spießerei ist bekanntlich mein wunder Punkt. Meine Lebenstragödie, neben dem Älterwerden und dem permanten Bad Hair Day, der, als seis der Murmeltiertag, seit meinem siebten Lebenjahr täglich wiederkehrt, wie ein Blick in die Fotoalben meiner Mutter erst kürzlich bewies.
  Dabei bin ich bekanntlich eine von den Spießern, die sich die Verspießerung gerne selber überwerfen wie einen aus dem Peru-Urlaub mitgebrachten Poncho, Bonjour Peinlichkeit, womit ich mir in Wirklichkeit einfach nur das Leben erleichtern möchte. Aber wenn Sie mir jetzt, sagen wir mal, sagen würden, mein Wohnzimmer sei spießig oder auch nur das Kastl, auf der der Fernseher steht, würde ich Sie verlässlich für den Rest meines Lebens erbarmungslos ignorieren. Mit dem Schweizer, der meinen Küchenfußboden ikeaig genannt hat, smse ich auch nicht mehr, weil wer meinen Fußboden beleidigt, beleidigt auch mich und meine Familie und alle, die je über diesen Boden wandelten, und ich werde deren Familien bis ins letzte Glied verfluchen. Jemand sollte das dem Schnitzler zutragen, bevor er seine Füße unter meinen Tisch ausstreckt.

Immerhin lerne ich bei ebay viel über die Dinge des Alltags. Zum Beispiel, dass meine fetten Esstischstühle, auf denen die Schnitzlers sitzen werden und die ich einst Stuhl für Stuhl vom Secondhändler in mein damaliges Zuhause getragen habe, 1951 von Eero Saarinen entworfen wurden. Was ich eine überaus befriedigende Information finde. Meine Stühle sind bitte nicht Möbelix, 2004, nein: Saarinen, 1951. Leider bekomme ich nicht die Genugtuung, dass die Stühle zwischenzeitlich eine massive Wertsteigerung erfahren hätten, und nun Abertausende von Euros mehr wert sind als die 100 Schweizer Franken, die ich damals fürs Stück bezahlte, denn genau so einer wie meine geht bei ebay, und ich verfolge die Auktion zitternd bis zum Ende, um 88 Euro weg. Eine Sauerei ist das; der Käufer und seine Familie sollen bis ins letzte Glied verflucht sein, die ekelhaften Schnäppchenjäger, die.
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