Doris Knecht
| 09/07
| Falter-Kolumne
| Freunde
| Unter Spießern
Schön, dass man Brunnenmarkt immer Leute trifft, die man kennt, mal gekannt und schon lange nicht mehr gesehen hat, und damals war es oft dunkel und man war eventuell nudelfett. Jetzt steht man beim Yip-Hint an der Kassa oder im Biofritz-Lager mit einem Randig in der einen und einem Ziegenkäse in der anderen Hand, und, ah, du auch hier! Und freut sich ure, sich zu sehen, nur behindert der Umstand, dass man sacknüchtern ist und sich so so so samstagvormittäglich fühlt, die Konversation stark. Also, man weiß überhaupt nicht, was reden, entscheidet sich aber (ein weiterer gravierender Unterschied zu den einstigen Begegnungen) für: Süße Kinder! Du auch! Was ist denn das für eins? Und dann: hmm. Man will das Gegenüber ja nicht mit halbhirntotem Samstagsblabla fertigmachen. Ein Konversationskanon für Einkaufsvormittage am Brunnenmarkt wäre überfällig, aber bis dahin dreht man schließlich mit freundlichem Genicke ab zum Speck-Bauern, steckt die Nase
in die Vitrine und wie man sie wieder rausholt, steht da schon der nächste. Ah, du auch hier! Schön! Und süßes Kind, wie heißt es denn?
Aber selbst an sich schon belastende Begegnungen sind verschärfbar. Letztes Mal zum Beispiel treffen wir vor dem Honig die A. und den B. mit dem kleinen C, zwei nette Kollegen, aber Vorsicht: mit Patchwork-Hintergrund, und logisch strudelts mich rein. Weil den B. kennen der Lange und ich irgendwie schon immer, die A. aber ist seine ziemlich neue, junge Frau, eine gscheite, die ich vor ein paar Monaten kennengelernt und gleich gemocht habe, trotz ihrer „Desperate Housewifes“-Verirrung und dann da und dort getroffen. Letzthin traf ich aber auch mal wieder die D., die erste Frau vom A. und die Mutter vom C., auch eine Gute. Die war grad schwanger mit einem neuen Kind vom E., und im Gespräch stellt sich raus, tadaa, der E. ist unser Nachbar und hat einen Garten, und seit das neue Kind auf der Welt ist, haben die uns schon zwei Mal zum Grillen eingeladen, und einmal war auch der kleine C. da, den die Mimis ganz super fanden, und es war sehr nett dort, plus es gibt eine Vogelspinne.
Wir grüßen also A., B. und C., wir plaudern ein wenig, wissen dann naturgemäß nicht weiter, grinsen freundlich und drehen ab. Worauf der Lange stinkig wird, weil ich hab ihn schon wieder nicht vorgestellt. Wem vorgestellt. Ja, der A. Und das stimmt, weil: klar, der Lange kennt ja die A. gar nicht, und ich ärgere mich über mich, denn ich bin ungern unhöflich, außer die Situation erfordert es. Der Lange fängt gleich an, das wär ja eh wie immer, weil nie stell ihn vor, dem F. hab ich ihn auf nicht vorgestellt und dem G. auch nicht, niiiie, und diese miesen Vorwürfe wurmen mich in der Kombi mit meiner tatsächlichen Verfehlung derart, dass ich dort auf dem dem Brunnenmarkt spontan sozial auffällig werde. Zum Glück sind wir dann schon beim Kent, wo die Finks auf uns warten, und die sind uns seit immer so vertraut, Konversationsnotstand null.