Doris Knecht
| 09/07
| Kurier-Kolumne
Vielleicht ist es mit dem Feminismus ein bisschen wie mit dem Klimaschutz: Es muss viel passieren, bis man merkt, dass man ihn braucht. Wobei es der Feminismus entschieden schwerer hat, weil ein ganzes Geschlecht sich von ihm eher bedroht fühlt. Und weil immer noch viele Frauen glauben, das brauchen sie nicht, Feminismus; das habe nichts mit ihrem Leben zu tun.
In einem Interview, das die deutsche Feministin Alice Schwarzer unlängst dem Falter gab, sagte sie, dass ihr jetzt auch Männer auf der Straße zuwinken: Ein Zeichen dafür, dass ihre Botschaft langsam doch immer öfter auch von Männern gehört und angenommen wird. Und dafür, dass Feminismus nicht länger als Hobby einiger verbitterter Kampf-Emanzen abgetan wird. Und dass allmählich allen klar wird, dass die Gleichberechtigung und Beteiligung der Frauen für eine stabile, gesunde Gesellschaft notwendig ist. Die Debatte um kulturelle Differenzen, um Zwangsehen und Kopftücher hat dazu beigetragen.
Die Gegenbewegung aber ist wehrhaft und sucht sich dort ihr Publikum, wo sie schwer zu fassen ist, in der Jugendkultur und ihren Medien. Überall halbnackte Mädchen (Schwarzer: „Man weiß manchmal nicht, ob die junge Frau an der Ecke auf ihren Freund wartet oder auf einen Freier“), selbstgedrehte Vergewaltigungsfilme auf Handys, Songtexte, die Gewalt gegen Frauen verherrlichen: Das alles beunruhigt Alice Schwarzer. „Wenn die Rap-Texte, die es heute über Frauen gibt, über Juden, Türken, Afrikaner oder Schwule gereimt würden, dann wären Sie schon längst verboten.“ Das ist vermutlich richtig und ein Grund darüber nachzudenken, wie viel sich Frauen immer wieder gefallen lassen. Und ob das gut ist.