26.09.07

Kommen Sie doch mal bitte mit

Doris Knecht | 09/07 | Falter-Kolumne | Kinder und andere Mitbewohner | Schuld und Sühne

Die Koch, eine Freundin von der Urban, war kürzlich auf Dienstreise. Frühmorgens hin, spätabends am nächsten Tag zurück. Dazwischen Termin, Termin, Termin, und wie sie endlich mit allem fertig war und dann langsam mal wieder den Flughafen und die Heimat anpeilte, ist ihr glühend heiß eingefallen, dass sie für das arme, arme Kind daheim kein Geschenk besorgt hat. Der Rabenmutterpegel in der Koch ist, nona, flutgleich bis knapp unters Schlüsselbein gestiegen, heiliger Himmel, so kann sie nicht heimkommen. So braucht sie nicht heimkommen; denn auch wenn die Vorstellung der Mütter über den Sehnsuchtsquotienten ihrer daheimgebliebenen Brut nicht immer mit der Realität korreliert, so ist doch eins gewiss: Ein Elternteil braucht nach mehrnächtiger Abwesenheit nicht ohne Geschenk wieder erscheinen.
  Die Erfahrung hat mich daheim eine heimliche Kiste mit kleinen Geschenken anfüllen lassen, periodisch wird mit Playmobil-Manderln, Pixi-Büchern, Aufblas-Dinos, Matchbox-Autos, Disney-Unterhosen und Plastikschmuck aufgestockt, und wenn der Lange

paar Tage weg ist, stell ich sie ihm bei der Rückkehr vor die Wohnungstür. Das erspart eine Menge Geflenne und Gerenne, auch bei übersehenen Kindergeburtstagen, und der Koch kann ich das für die Zukunft warm empfehlen. Aber beim ersten oder zweiten Mal, wenn der Nachkomme noch klein ist, weiß man so Zeug einfach noch nicht. Die Koch wusste allerdings auch nicht, dass praktisch jeder noch so kleine Flughafen mit einem Schlechte-Gewissen-Shop für dienstreisende Eltern ausgestattet ist: Die Mitbringsel-und Liebesbeweis-Industrie zur Liebesvesicherung armer, armer Kinder ist überhaus fantasievoll im Beruhigen und Abmelken schuldzerfressener Eltern.
  Aber wie gesagt, die Koch wußte das noch nicht. Und wie ihr im Taxi auf dem Weg zum Flughafen ihr Brutal-Versagen als Mutter schlagartig bewusst wird, wie sie sich das Tränenniagara ihrer bis ins Mark von Enttäuschung gebeutelten Zweijährigen ausmalt, schaut sie panisch zum Fenster raus, und sieh an, es ist dunkel und alle Läden haben längst geschlossen. Nur da vorne leuchtet noch was, da hat was offen. Vielleicht eine Tankstelle. Nein. Keine Tankstelle. Trotzdem lässt die Koch den Taxler anhalten und ersteht im Sexshop gar nicht teuer ein hübsches, rotschwarzes, latexknautschiges Badeentchen, und zwar eins, das etwas hat, das andere Badeentchen von anderen Kinder nicht haben, nämlich eine Vibratorfunktion.
  Das Kind soll, so die Überlieferung, glücklich gewesen sein. Die Urban und ich haben uns aber natürlich gleich ausgemalt, wie es gewesen wäre, wenn das Ding an der Sicherheitsschleuse des Flughafens, sagen wir mal: originalverpackt losvibriert hätte. Der Beamte: Was ist das? Die Koch: Ach, nur ein Mitbringsel für meine zweijährige Tochter. Der Beamte: Kommen Sie doch bitte mal mit.
  Da hat die Koch doppelt Sau gehabt, aber so ist das Leben der Karriere-Mütter: ureaufregend, und voll mit Augenblicken des Glücks.
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