05.09.07

War nur ein Schmäh

Doris Knecht | 09/07 | Arbeit & Wirtschaft | Falter-Kolumne | Kinder und andere Mitbewohner | Schuld und Sühne | Stadt/Land

Wichtige Fragen müssen erörtert werden: Wird man tot, wenn man sich das Schnitzmesser in den Bauch rammt? Oder muss man nur ins Krankenhaus, wo sie einem die Eingeweide mit langen Nadeln zusammennähen? Das Schnitzmesser ist Teil des üblichen Russisch Roulette des Kindergroßziehens, welches dadurch verkomplizierrt wird, dass hundert Eltern von Fünfjährigen hundert Vorstellungen davon haben, was Fünfjährige können müssen oder dürfen sollen. Sollen beispielsweise Fünfjährige allein eine mittelstark befahrene Landstraße überqueren dürfen? Ich bin dagegen, was aber damit zu tun haben könnte, dass ich mit fünf auf einer mittelstark befahrenen Landstraße über den Haufen gefahren wurde, vier Wochen im Krankenhaus lag, dort von meinen Eltern nur einmal die Woche besucht werden durfte und dann sechs Wochen in einem Gips von den Zehen bis zum Bauchnabel steckte, was insgesamt, da hat der Horwath Recht, einige Risse im Fundament meines Sicherheitsempfindens verursacht haben könnte. Trotzdem. Meine Kinder gehen nicht allein über die Straße, kommt nicht in Frage. Und meine Kinder dürfen auch andere Sachen nicht, die der kleine Horwath darf, ein Umstand, der in ein Wochenende im Horwath-Landhaus gewisse Dissonanzen zu mischen imstande ist.
   Allerdings dürfen meine Kinder, genau wie der kleine Horwath, schnitzen und irgendwann ihre Konfession selber wählen. Letzteres ist insofern von Bedeutung, als der Horwath letzte Woche von hoher Stelle angerufen und um die Anfertigung eines kleinen Willkommenspräsentes für den Heiligen Vater gebeten wurde; der Horwath kann nämlich eine Kunst. Der Horwath hat gesagt, aber gern!, und als die hohe Stelle gefragt hat, was es denn kosten wird, hat der Horwath gesagt, naja, circa sechshundertsechsundsechzig Euro, was die hohe Stelle zu teuer fand. Der Horwath hat gesagt, war eh ein Schmäh, aber den hat die hohe Stelle nicht verstanden. Bei der Anfertigung des Präsents hat er sich aber, gestand der Horwath, ganz besonders Mühe gegeben und hat jetzt, sagt der Horwath, einen direkten Draht zu Gottes Stellvertreter, und wir nicht.
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