Doris Knecht
| 09/07
| Kurier-Kolumne
Letztes Mal, als ich diese Geschichte erzählte, handelte sie von einem Vater und der Linie N. Diesmal von einer Mutter und der Linie 33: Ansonsten sind sie praktisch ident. Die aktuelle geht so: Renate A. bestieg mit ihrem Kinderwagen einen Wagen der noch durchgehend mit alten Garnituren bestückten Linie 33; Passagiere halfen ihr beim Einsteigen.
Als sie bei der Endstation aussteigen wollte, war sie leider allein im Wagen, wandte sich also an den Fahrer: „Könnten Sie mir bitte beim Aussteigen helfen?“ (sie sagte: bitte. Ausdrücklich). Der Fahrer: „Na.“ Renate A.: „Aber wie soll ich denn da jetzt rauskommen?“ Der Fahrer: „Wia’S einakumma san.“ Renate A. erklärte, dass ihr da Fahrgäste geholfen hätten, sie jetzt aber allein sie und fügte ein flehentliches: „So helfen’S mir halt bitte!“ an. Der Fahrer: „Derf net.“ So hob Renate A. unter größten Schwierigkeiten den Kinderwagen selbst zur Bim hinaus, während der Fahrer gelangweilt zum Fenster hinausschaute.
Ja: Es gibt zahllose wunderbare Menschen an den Steuern der Wiener Öffis, hilfsbereite Buschauffeure, Bim-Fahrer, die Senioren beim Einsteigen helfen, U-Bahnfahrer, die freundliche Ansagen machen. Trotzdem erlaube ich mir die Frage, warum bei einem Service-Betrieb wie den Wiener Linien sowas immer noch möglich ist.
Nochmal ja: Mir ist bekannt, dass der Mann nur die Vorschriften befolgte. Aber meiner bescheidenen Meinung nach wären diese Vorschriften dringend etwa wie folgt zu ändern: „Wenn ein Fahrgast sich in einer verzweifelten Situation befindet und um Hilfe bittet, ist das Personal angewiesen, diesem wenn möglich helfen.“ Oder ist das wirklich zu viel verlangt?