Doris Knecht
| 10/07
| Falter-Kolumne
| Kinder und andere Mitbewohner
| Unter Spießern
In Venedig gibt es keine Diskussionen. In Venedig gibt es meistens Pizza, Pasta oder Fisch; Pizza, Pasta oder Fisch sind offenbar ok., trotz der Salami auf der Pizza. Woraus wird Salami gemacht? Schwein, glaub ich. Die Phase der Moral ist angebrochen, der ethischen Bedenken gegen das Töten und Verzehren von Lebenwesen: aber Schwein ist ok, denn Schweine fallen, so die Mimis, wie die Fische in die Kategorie der nutzlosen Tiere, wohingegen Hühner Eier legen, Kühe Milch geben, Hasen kuschelig und Lämmer süß sind, also alle auf ihre Weise nützlich, also nicht mehr verzehrt werden dürfen. Also neue Probleme in einem Haushalt, dem ein Oberösterreicher angehört. Denn ein Oberösterreicher braucht seine regelmäßige Zufuhr großer Fleischstücke, er wird sonst unrund. Der Oberösterreicher isst an fleischlosen Tagen Huhn, und Fisch nennt er
Mädchenfleisch, lehnt ihn also aus Prinzip ab und nimmt ihn rein aus Vorbildgründen ab und an zu sich, oder wenn er, wie in Venedig, ganz kürzlich frisch aus dem Meer geholt wurde. Was ihn zwar immer noch zu keinem Fleisch macht, aber es ist wenigstens außergewöhnlich gutes Unfleisch, und so gesehen besser wie nur Gemüse. Das Unvergnügen, das in nächster Zukunft über den Oberösterreicher hereinbrechen wird, hatte in Venedig noch Schonzeit, worüber auch der Horwath, schweinshaxnaffin, aber moralkeulenallergisch, nicht unglücklich war.
Wir waren nämlich mit den Horwaths. Und wir waren natürlich bei der Kunst, Giardini, Arsenale, alles, und weil die Kunst derzeit einen erheblichen Hang zur Albernheit zeigt, konnten die Kinder mit einigem davon etwas anfangen. Durchaus in einer Weise, die Rainald Goetz auf der Dokumenta exorbitant missfallen hatte „(...) herrlich hätten die Kinder der Massen, so die Kuratoren, in den Auehallen vor den Kunstwerken herumgetobt. Ja, so war es gewesen, fürchterlicherweise, komplett normalerweise auch. Der Angeberterror, den die Leute mit ihren dumpfen Kindern veranstalten, weiß sich aufs debilste getragen von der herrschenden öffentlichen Stimmung.“ Das schreibt Goetz in seinem kollossalen Vanity-Fair-Blog „Klage“ und lassen Sie mich raten, der Mann hat keine Kinder und fühlt, dass die Zeit jetzt reif ist, Kinder wieder ganz offiziell zu hassen, da wächst uns gerade ein schicker, neuer Trend heran (siehe auch Corinne Maier: „No Kid“). Aber ok, mir wurde es auch manchmal zu arg, vor allem, als eins der Kinder sich im Glaslabyrinth im belgischen Pavillon die Birne voll anrammelte und des Gekreisches wegen eilig daraus entfernt werden musste. Und später, als die Kinder die brasilianische Favela-Installation nächst dem Freiluft-Cafe erkletterten und mit ihren Pommes-Fingern so viele Legomännchen wie möglich aus den Hohlziegeln befreiten und eine mächtige Favela-Legomännchenversammlung inszenierten. Ich äh glaube wir äh sollten jetzt lieber gehen, bevor noch Goetz auftaucht.