Doris Knecht
| 10/07
| Kurier-Kolumne
Die Oma war zu Besuch und fuhr nach ein paar Tagen wieder heim in die Provinz. Mit der Bahn. Und wie das mit alten Damen oft so ist, war es der Oma ein Anliegen, dass man rechtzeitig zum Bahnhof fährt. Es könnte einen Stau geben, man könnte keinen Parkplatz finden, der Haupteingang des Bahnhofs könnte zugemauert sein, die Schlange vor dem Schalter bis zum Cafe Westend reichen. Die ganz normalen Dinge also, mit denen Provinz-Omas in der Großstadt jederzeit rechnen. Und: der Zug könnte voll sein.
So bestieg man den Zug eine gute halbe Stunde vor dessen Abfahrt, was natürlich bei der Platzsuche von Vorteil ist, vor allem, weil die Oma grundsätzlich kein Geld für Platzreservierungen verschwendet. Braucht man ja nicht, wenn man rechtzeitig da ist.
Im Abteil zeigte sich, dass auch andere Omas so denken, allerdings wurden die insgesamt fünf alten Damen, die sich über einen Korridorwagen verteilten, diesmal stark verunsichert. Denn es handelte sich um einen deutschen ICE mit elektronischen Anzeigen über jedem Platz, und auf jeder waren die Worte zu lesen: Ggfs für Sitzplatzreservierung vergeben. Man kann sich vorstellen, was solche Worte bei einer Oma auslösen: Unruhe, Angst, Herzbeschwerden: Was, wenn jemand mit einer Reservierung kommt und es gefällt ihm genau mein Platz? Werde ich dann dieses Platzes verwiesen? Und muss, öffentlich gedemütigt, die ganze Fahrt stehen?
Die Pressestelle der ÖBB bestätigt den neuen Reservierungsmodus und rät, künftig doch einfach 3,50 Euro in eine Platzreservierung zu investieren. Aber sowas kommt für unsere Oma einfach nicht in Frage.