1.10.07

Funktion folgt Form

Doris Knecht | 10/07 | Kurier-Kolumne

Für eine „bunte Wand aus Buchrücken ist in kühlen Designerwohnungen vermutlich kein Platz“, entnahm ich kürzlich einer stilkundigen Bunt-Beilage. Asso. Aber klar: So ein  Durcheinander aus ungleich großen, verschieden dicken, total inhomogenen und oft  erschreckend unterdesigneten  Papierquadern ist dem stilgeschulten und Eleganz-verwöhnten Interiör-Ästhetiker-Auge nicht zumutbar. Verstehe.
Die Beilage rät alternativ zu einem kantigen Holzplatten-Designer-Sessel mit Einbau-Lampe, in dem sich 80 Taschenbücher unterbringen lassen. Ausschließlich Taschenbücher, wohlgemerkt, denn solche halten sich für gewöhnlich an Standard-Formate, und die, die es nicht tun, weiß der stilgestählte Lektüre-Selektor samt den unhandlichen Hardcovern auszusortieren. Das muss man im Dienste der Schönheit verschmerzen können. So wie der Sessel aussieht, kann man darin übrigens weder ein Körperhaltung einnehmen , die das Wort „sitzen“ verdiente, noch nach Einbruch der Dunkelheit lesen, weil die  Lampe zwar ästhetisch einwandfrei, für Lese-Zwecke  allerdings ungeeignet  und zudem an völlig nutzloser Stelle angebracht ist. Aber egal.
Flugzeugträgergroße Plasmabildfernseher dagegen stören Designerwohnungsbesitzer-Gespüre für mörder cooles Interiör dagegen nicht. Weshalb ich z. B. kein eigenes TV-Gerät im Wohnzimmer brauche; ich fernfernsehe bei den Nachbarn mit, die gut 200 Meter entfernt in einem stahlgläserenen Penthouse wohnen.   (Ich habe keine Ahnung, wie die Leute aussehen, kenn aber ihre TV-Vorlieben bestens).
Aber, entschuldigung!, auf einen Fernseher kann man nun mal nicht verzichten. Bücher dagegen.
 
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