14.10.07

In dieser Stunde der Enttäuschung

Doris Knecht | 10/07 | Kurier-Kolumne

Er wolle mir, mailte mir der freundliche Herr R. am Donnerstag um halb zwei, in dieser Stunde der Enttäuschung ganz viel Trost zusprechen. Danke, das kann ich brauchen. Weil: Es ist schon wieder passiert. Schon wieder hat Philip Roth nicht den Literaturnobelpreis gekriegt.
Seit Jahren sitze ich an jedem Literaturnobelpreis-Donnerstag ab halb eins am Computer und drücke hysterisch die Aktualisierungstaste, und um eins nach eins jaule ich Redaktionskollegen und Nachbarn in den Wahnsinn: Nicht  schon wiedaaaaa! Bereits letztes Jahr schickte mir der unbekannte Herr R. deswegen Trost per Mail, wenngleich  dieser  Trost vor Zynismus triefte und auch heuer trieft, denn R. teilt nicht meine Meinung, dass derzeit nur Roth den Nobelpreis verdient, und dass der Preis, solange Roth ihn nicht hat, praktisch wertlos ist.  Dabei ist Herr R. offenbar  überaus belesen, wenngleich er nicht, wie ich ob seiner Mailadresse  fälschlich annahm, bei der Nationalbibliothek arbeitet,  sondern bei der Nationalbank. Gefällt mir  aber umso besser. 
Aber! Schon wieder nicht Philip Roth! Was für eine Ignoranz!  Und wie es wohl Philip Roth geht! Aber wahrscheinlich denkt sich Roth auch heuer wieder, dass er, na gut,  die Zeit, in der er keine Literaturnobelpreisträger-Interviews geben und nicht nach Stockholm reisen muss, einfach nutzt, um halt noch ein fantastisches, hellwaches und vollkommen zeitgenössisches Meisterwerk zu schreiben, das die Jury ebenso ignorieren wird, wie alle fantastischen, hellwachen Roth-Meisterwerke zuvor.
Mit dem Megaphon will ich dieser Jury zurufen: PHII!!! LIPP!!! ROTH!!! PHII!!! LIPP!!! ROTH!!! Aber auf mich hört ja sowieso keiner.
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