4.10.07

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!

Doris Knecht | 10/07 | Kurier-Kolumne

Gehts uns nicht gut? Es geht uns richtig gut: die Arbeitslosigkeit sinkt, die Lebensqualität steigt, die Schönheitsoperationen, so gut geht’s uns  nehmen  zu.  Wir leben in einem reichen, privilegierten Land,  und mit großer Bestürzung verfolge ich, wie wir  Männer, Frauen und Kinder vertreiben, die in ihrer Not ihre  kriegszerstörten Heimatländer verlassen haben, in denen es keine Arbeit für sie gab. Sie suchten bei uns ihr  kleines Glück, sie arbeiteten hart und ehrlich dafür, passten sich an, wurden gute Bürger.
Ich bin erschüttert über die Abschiebung dieser Menschen. Kanzler Gusenbauer findet es „grauslich“; Sie, Herr Bundespräsident Fischer mahnen „humanitäre Gesichtspunkte“ ein und fordern für diese Menschen jetzt eine Behandlung „in fairer Weise“.
Sehr geehrter Bundespräsident, sehr geehrter Herr Bundeskanzler, warum  tun Sie dann nichts gegen diese Unmenschlichkeit? Dagegen, dass täglich brave, fleißige, voll integrierte Familien wie Verbrecher aus ihren Häusern heraus verhaftet werden? Dass Männer und Frauen aus  ihrer Arbeit, Kinder aus Schulen, aus dem Leben gerissen und in Länder abschoben werden, wo sie außer Unglück nichts erwartet? Keine Arbeit, zerstörte Häuser, nichts zu essen, keine Freunde, keine Zukunft?
Wie können Sie, Herr  Kanzler und Sie, Herr Präsident, die Sie Flehbrief um Flehbrief von Bürgermeistern bekommen haben, die sich mit aller Kraft für diese Familien einsetzten, jetzt so überrascht und schockiert tun? Sie, der Präsident, Sie,  der Regierungschef sind es, die etwas ändern können –  es längst gekonnt hätten – und als Österreicherin, als Wählerin, als Steuerzahlerin eines Landes, dem es richtig gut geht,  bitte ich: Ändern Sie es! Helfen Sie diesen Familien; jetzt.
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