Doris Knecht
| 10/07
| Falter-Kolumne
| Frauen / Männer
| Kinder und andere Mitbewohner
Das Bubenmädchen ist übrigens immer noch eins. Das Mädchenmädchen trägt jetzt Leggins und Miniröcke, und wenn ich das Bubenmädchen frage: Soll ich dir auch mal sowas mitbringen?, dann weiß ich schon, was kommt, das Bubenmädchen lacht nämlich aus vollem Hals. Es lacht wie Peymann, wenn man ihm vorschlüge, ein Stück von Fellner zu inszenieren. Es lacht, als hätte jemand behauptet, Dichand würde jetzt Asylanten ins Land locken wollen. Es lacht von Herzen: Hahaha!, was für eine lustige Idee! Was für eine völlig abseitige Idee.
Als ich unlängst meine schöne, lang nicht gesehene Freundin Klara wiedertraf, als wir uns ganz zufällig einen Abend lang feinstens unterhielten, und als Klara, die die Mimis vor zwei Jahren mal einen Abend lang erlebt hatte, nach dem Bubenmädchen fragte, da fiel mir erst wieder mal ein, dass ich ja eine kleine Transe
daheim hab. Sonst fällt mir das gar nicht mehr auf. Das hat sich im Alltag so eingespielt. Die Mimis sind fünf, seit drei Jahren ist das Bubenmädchen kein Mädchen. Periodisch fühle ich in mir die feministische Verpflichtung, dem Bubenmädchen einen kleinen Vortrag zu halten: Du, übrigens: Mädchensein ist wirklich cool. Man muss, schau mich an, nicht unbedingt eine Prinzessin sein, nur weil man ein Mädchen ist, man kann kurze Haare haben, Hosen tragen und niemals rosa oder lila. Mädchen dürfen nämlich alles, und alles, was Buben auch dürfen, was heißt: Mädchen dürfen sogar mehr!, und das Bubenmädchen findet das für die Mädchen total super. Bloß ist sie halt keins. Es freut sie für die Mädchen, aber es betrifft sie nicht. Sie findet es nett, dass jetzt auch Mädchen in Kindergarten-Fußballclub sind. Nicht: auch andere Mädchen, sondern: auch Mädchen; sie, das Bubenmädchen, war ja letztes Jahr auch schon. Es ist ihr klar, dass die Buben im Kindergarten in vielen Dingen irrsinnig blöd tun und sich wirklich gemein benehmen, wo sie kein Bedürfnis hat, so blöd zu tun und sich so gemein zu benehmen, aber obwohl zum Glück kein Testosteron in ihr wütet, gehört sie halt trotzdem zu denen und nicht zu den Mädchen, was soll sie machen. Deshalb kann sie auch unmöglich Leggins tragen, sondern Bubenjeans und Bubenleiberl, und beim Winterschuhekaufen würde es ihr nicht mal zum Spaß einfallen, einen Blick auf die Mädchenstiefelchen zu werfen. Sind eh schön, ja, für ihre Schwester; und sie entscheidet sich selbstverständlich für ein grobes Paar blaue Bubenstiefel.
Und ja, sie weiß, dass sie kein Bub ist: Ihre Cousine hat so ein Freunde-Buch, was nur unwesentlich weniger schlimm ist als unsere Poesie-Alben früher, und als sich das Bubenmädchen da mit Foto, Hobbies und Lieblingsdingsens deklarieren soll, da will sie bei „Was ich werden will, wenn ich groß bin" eingetragen haben: Mann. Ich schreibe das hin, auch wenn es mir lieber wäre, für sie lieber wäre, sie würde Pilotin werden wollen oder Ärztin oder Fussballerin. Aber wenn Mann für sie das Richtige ist: gut, soll sein.
und mein bub sagt : wieso gibts denn da buben und mädchenklos, das ist doch eh das gleiche. buben und mädchen gibt es gar nicht. und dann ist mir ein bisschen komisch mulmig, aber stolz bin ich auch irgendwie.
sowas hätts früher nicht gegeben. das ist alles meine schuld.