29.11.07

Aus dem Eck kommst du nie mehr raus

Doris Knecht | 11/07 | Falter-Kolumne | Kinder und andere Mitbewohner | Kunst & Kultur | Schuld und Sühne

Also gehe ich zur Eröffnung des Advents in der „Kabine“, und zwar obwohl mir der Grätzl-Faschismus der Leopoldstädter extrem auf den Sack geht. Leopoldstädter verlassen ihren Bezirk ja wenn irgendwie möglich nie, was nicht einfach ist, weil es dort in Wirklichkeit außer dem Karmelitermarkt, zwei bis drei Gasthäusern, einem Donaukanalufer und einer Handvoll lässiger Läden nicht viel gibt. Super Grünraum, schön und gut, aber das kann ja wohl in einer Großstadt nicht alles sein. Wenn ich super Grünraum will, zieh ich aufs Land. Trotzdem gehe in die „Kabine“, einem lässigen Laden in der Karmelitergasse, und zwar, weil ihre Mitbesitzerin mir über Dritte Drohungen übermitteln ließ, in denen die Wörter „Kopf“, „abreißen“, „persönlich“, „wenn“, „du“ und „nicht“ vorkamen. Es ist sehr unterhaltsam dort, und bevor ich wieder heim nach Restwien fahre, erstehe ich eine riesige güldende Schneiderschere, die mich ein wenig glücklich macht.
   Und dieses bisschen Glück kann ich gut brauchen. Denn davor werde ich, nachdem ich die und den und die endlich mal wieder getroffen habe, einem interessant und gescheit aussehenden Herrn vorgestellt, dessen Augen, kaum dass er meinen Namen vernommen hat, circa 98 Prozent ihres Leuchtens einbüßen. Aha, sagt der Herr, und weicht merklich zurück, ich wär also die, die immer über ihre Kinder schreibt. Worauf ich nicht entgegne, dass ich eigentlich meistens nicht über meine Kinder schreibe, und wenn ich über Kinder schreibe, schreibe ich eigentlich auch meistens nicht über Kinder, sondern fast immer nur über Leute die welche haben und darüber, was das mit ihnen macht und so. Der Herr macht aber nicht den Eindruck, als sei er an diese Sorte feiner Unterscheidungen interessiert, also lass ich es. Ja, Sie, die bin ich; das schreibende Mutterlulu, das kolumnierende Hormonmassaker. Da sieht man, was Fortpflanzung anrichtet, Drogen ein Dreck dagegen.
   Mit dieser Stigmatisierung bin ich einigermaßen vertraut. Regel Nummer 1, wenn du ein Kind kriegst: Schreib unter keinen Umständen darüber, sonst geräts du unter endgültigen Hormonversautheitsverdacht. Aus dem Eck kommst du nicht mehr heraus. Dieses dümmliche Gluckengrinsen kriegst du niie mehr aus deinem CV.
   Außerdem: Interessiert ja keine Sau. Kinder hat ja fast keiner, und von den 0,1 bis 0,2 Prozent der Bevölkerung, die welche haben, kann man wohl erwarten, dass die sich in Special-Interest-Medien über ihre öden Vorlieben informieren, „Eltern“, „Mein Baby“, „My Family“, derlei. Da braucht man ja jetzt nicht richtige Zeitungen buchstäblich vollscheißen mit dem Zeug und richtige Leser, die sich über richtige, relevante Themen informieren wollen, aus dem Hinterhalt mit Fortgepflanztheitsspipapo anfallen. Und wen du es doch tust, brauchst du dich zumindest nicht wundern, wenn interessant und gescheit aussehende Herren rückwärts abtrippeln; äh, tja, chm. Dafür hab ich jetzt eine riesige Schere; immerhin.
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» 10.12.07 12:43
Andrea Wolfmayr

Liebe Frau Knecht,
Ihre Kolumnen lese ich so gut wie immer, bzw. wo ich sie gerade finde, Falter, Kurier. Weil Sie Mut haben, witzig sind, offensiv und aggressiv, vor allem aber: Sie reden kein Zeug. Sie reden einfach, wie es ist, Alltag und so, vor allem mit Kindern. Und wie wahr und wie bekannt auch: die Reaktion des Herrn, der ein paar Schritte zurückweicht: Du darfst darüber nicht reden, aus dem Eck kommst du nicht raus... - aber da täuscht sich der Herr und täuschen sich so manche Herren...
danke!

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