Doris Knecht
| 11/07
| Falter-Kolumne
| Kunst & Kultur
Mit dem Langen im „König Lear“ gewesen. Ich weiß nicht. Großartige Schauspieler, beeindruckendes Bühnenbild, tolle Kostüme (vor allem das, wo Lear aussieht wie einer der Außerirdischen in „Mars Attacks“), ziemlich mieses Drehbuch. Ich meine, jetzt einmal ehrlich, selbst Rotkäppchen schnallt relativ schnell, dass das Viech in Grossmutters Nachthemd nicht Großmutter ist, aber im „Lear“ braucht sich nur einer ein bisschen Dreck ins Gesicht zu schmieren, schon wird er von seiner gesamten Familie, einschließlich seiner Erziehungsberechtigten, dauerhaft nicht mehr erkannt. Unnötiges Stück, überhaupt; mit insgesamt viel zu wenig Identifikationspotential, als dass es sich lohnen würde, vier Stunden lang aus dreißig Meter Höhe in einer Haltung, die meine Ergotherapeutin definitiv nicht
empfiehlt, auf die Scheitel von Schauspielern zu starren, denen es nicht durchwegs gelingt, ihre Worte auch bei uns oben noch verständlich ankommen zu lassen: Der Lange, der auch schon lang nicht mehr im Burgtheater war, hat die Karten besorgt und war der Meinung, Galerie klinge doch nicht schlecht. Ha. Immerhin stellte ich fest, dass auch die Reichen unten in den Logen nicht gemütlich in ihren Sesseln lümmeln UND etwas sehen konnten: eine praktisch komplette Fehlkonstruktion, dieses Burgtheater, jedenfalls, wenn man partout darauf besteht, auch das Stück zu sehen. Aber egal, wieder etwas gelernt, nämlich, der Lange und ich sind als Theaterpublikum totale Nieten. Nicht, dass ich das nicht schon länger gewusst hätte, aber man denkt halt, jaaa, die Verspießerung, jetzt ist sie schon so weit fortgeschritten, vielleicht bin ich nun endlich fertig genug für das Theater als solches. Bin ich nicht. Werde ich nie sein. Das Theater als solches beeindruckt, ja rührt mich ob der aufdringlichen Antiquiertheit seiner künstlerischen Erscheinungsform und ich starre darauf, wie auf einen merkwürdig designtes Reptil im Terrarium: schön, schön, mir doch egal.
Der „Lear“ war nicht die einzige kulturelle Ernüchterung dieser Woche. Die „drei Stanisläuse“ nämlich. Was hatte ich die drei Stanisläuse nicht suprig in Erinnerung. Der große Stanislaus, der mittlere Stanislaus, der kleine Stanislaus (allein, dass man das pro Vorlese-Einheit etwa 70 Mal artikulieren muss, weckt spontanen Hass auf die Burschen), permanent auf Achse, immer raus in die große weite Welt und mächtig Abenteuer erleben: Während die drei Veronikas hübsch zuhause bleiben, kochen, putzen, die Betten auslüften, bisschen Hausmusik machen und sorgfältig darauf schauen, dass genug Schinkenwurst im Haus und das Gurkenfass immer gut gefüllt ist. Denn wenn die drei Stanisläuse wieder heim kommen, um Sinn in das Leben der Veronikas zu bringen, sind sie sehr hungrig. Also büüütte. Das kann von mir aus der Lange vorlesen, ich les das nicht mehr vor.