8.11.07

Looslassen lernen

Doris Knecht | 11/07 | Kurier-Kolumne | Kurier-Kolumne

Also gut, ich werde nicht fragen, ob es wirklich notwendig ist, jedes Jahr vor Weihnachten in der ganzen Innenstadt Hütten aufzustellen, um über die Straße hochprozentigen Alkohol auszuschenken und so den Quotienten betrunkener Innenstadtbenutzer saisonal noch ein bisschen zu erhöhen. Werde ich nicht; ich weiß ja, es ist für den guten Zweck, und so trinken die Leute ihren Alkohol wenigstens an der frischen, qualmfreien Luft, tun also nicht nur Gutes, sondern auch noch etwas für ihre Gesundheit, und so weiter. Zudem wird die Punschhütte jetzt schöner. Bezirksvorsteherin Stenzel will Alm raus (gut) und Design rein ( gut), hat Studenten der Angewandten mit dem Entwurf betraut (sehr gut) und heraus kam etwas, das die Bezirksvorsteherin als „modernes, urbanes Design, angelehnt an Adolf Loos“ beschwärmt. Nichts gegen den großen Designer und Architekten Loos, aber er ist halt auch schon 74 Jahre tot. Und das erfolgreichste Beispiel konsequent gegenwärtigen Stadtmöbel-Designs zeigt, dass es gar nicht notwendig ist, sich immer an bewährten Vorbildern zu orientieren: Die „Enzis“, die bunten Polyester-Sofas im Museumsquartier, wurden vom Architektenteam PPAG radikal modern und funktional entworfen, biedern sich dem MQ kein bisschen an, stechen arg heraus und sind trotzdem keine Fremdkörper, im Gegenteil: sie machen das MQ besser, lebendiger, lässiger. Die Leute lieben die Enzis; man kann darauf liegen und lesen, plaudern, schlafen, klettern, trinken und picknicken, man kann sie zusammenbauen und auftürmen. Und man erkennt sie als Wiener MQ-Möbel mittlerweile auf der ganzen Welt: Es muss nicht immer nur Loos drin sein, wenn Wien drauf steht.
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