9.11.07

Süßes Nichtstun

Doris Knecht | 11/07 | Kurier-Kolumne

Einmal habe ich einen jungen deutschen Architekten gekannt: der kam zur Curriculumsbehübschung eine Zeit lang nach Wien, um bei Coop Himmelblau anzuheuern. Der Architekt war ehrgeizig, zielstrebig und entschlossen, wenn nötig, 24 Stunden am Tag zu arbeiten. Er kam in Wien an, betrat ein Kaffeehaus und saß zwei Jahre später immer noch vor seiner Melange; im Gesicht einen Ausdruck rosiger Verwunderung. Es hatte es nicht für möglich gehalten, dass man die Zeit so glücklich mit Nichtstun, Palawern, Zeitunglesen und Kaffeetrinken herumbringen kann. Dass es einem dabei an nichts fehlt. Und dass man nie das Gefühl hat, etwas Wichtigeres zu versäumen. Das ist Wien: eine Stadt mit einer über so viele Dekaden gewachsenen Kultur des Nichtstuns, dass man, wie mir das letzte Woche wieder passiert ist, an einem Freitag um zwei Uhr Nachmittags Schwierigkeiten hat, einen freien Tisch in einem Kaffeehaus zu bekommen. Etwas, das etwa in Zürich undenkbar ist; und dort, in produktiverer Atmosphäre, machte der Architekt dann auch seine Karriere. Mich verschlägt es derzeit einmal wöchentlich ins Cafe Weingartner in der Goldschlagstraße, und heiliger Altenberg, ist das ein herrlicher Ort. So, genau so wünscht man sich das alte Wiener Kaffeehaus: mit exakt diesem Schäbigkeitsquotienten, mit so einem großartigen Zeitungsangebot, das mit FAZ bis Gala jeden bedient, mit diesem Mix von völlig unterschiedlichem Publikum, mit genau so einem makellos aufmerksamen Ober, der einem den Schlüssel für die Toilette schon in der Hand drückt, bevor man danach fragen kann. Solche Orte braucht eine Stadt: solche Orte machen Wien Wien.
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