26.12.07

Das kann ich nicht annehmen

Doris Knecht | 12/07 | Kurier-Kolumne

Die Oma will natürlich kein Weihnachtsgeschenk. Sie braucht nichts. Zufällig weiß ich, dass sie etwas braucht, und das bekommt sie auch: Es ist nicht groß, es ist nicht luxuriös, es ist  günstig und sehr praktisch. Trotzdem wird die  Oma  – ich kenne die Oma – das gleiche machen, was sie letztes Mal gemacht hat, als wir ihr ein preiswertes, praktisches Rollköfferchen geschenkt haben. 
Das Köfferchen war extra, um es einwandfrei als Geschenk kenntlich zu machen, mit einer  großen Masche umwickelt: Trotzdem lief die  Oma, noch bevor sie auf die Idee kam, sich zu freuen,  aus dem Zimmer, holte  ihre Tasche, nahm ihr Geldbörsel heraus  und versuchte im Ernst, das Rollköfferchen zu bezahlen. Wir mussten sie erst tüchtig ausschimpfen, bevor sie bereit war, das Geschenk als Geschenk anzunehmen. Und  dann endlich hat  sich die Oma auch wirklich sichtbar gefreut, weil die ewige Taschenschlepperei zwischen ihrer Provinz und Wien wurde ihr, auch wenn die Oma  das nie zugegeben hätte, schon ein bisschen zu anstrengend.
Zu Weihnachten wird die Oma, die uns ihrerseits, wo sie kann, großzügig hilft, ihr praktisches, kleines Weihnachtsgeschenk auspacken und ausrufen, dass sie das, meinerseel!, unmöglich annehmen kann! Und dass wir ihr doch erst  diesen Koffer geschenkt haben! Nein, sie wird das bezahlen, weil genau so ein Ding wollte sie sich eh einmal kaufen.
Wir werden die Oma, was fällt dir ein!, tüchtig schimpfen, und sagen, Oma!, Weihnachten ist!, und es ist uns ja aufgefallen, dass dir das fehlt, und deshalb wollten wir dir damit eine Freude machen. Und nachdem sie noch ungefähr fünf Minuten gezappelt hat, wird die Oma die Freude auch haben. Auch wenn sie sich überwinden muss: Weil sie doch gar nichts wollte.
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