Doris Knecht
| 12/07
| Kurier-Kolumne
Es ist schon wieder passiert. Schon wieder ist ein Kind über einen längeren Zeitraum von seiner Mutter misshandelt worden. Und schon wieder sieht das Jugendamt dabei nicht gut aus: Angesichts einer mit Bisswunden, blauen Flecken und Schürfspuren übersähten Achtjährigen, der erst geholfen wurde, als sie vor lauter Verzweiflung mitten in der Nacht aus der Wohnung ihre Mutter geflohen war, meinte das Jugendamt: „Wir haben gut gearbeitet.“ Das ist schwer zu glauben.
Man dürfe, heißt es aus dem Amt, „nicht prophylaktisch das Kind wegnehmen. Wir müssen das gelindeste Mittel anwenden“. Dieses Mittel war im inkriminierten Fall offenbar: Nichts zu unternehmen, zu warten, bis das Kind selber von seiner Mutter flieht.
Ja, man versteht, dass ein Kind seinen Eltern nicht so mir nichts dir nichts weggenommen werden soll. Es geht hier um das Wohl des Kindes, und es ist für das Kind eventuell traumatischer, aus seiner vertrauten Umgebung und von seinen Eltern weggerissen und bei Fremden untergebracht zu werden, als hin und wieder Misshandlungen zu ertragen. Das ist schwer hinzunehmen, aber in gewisser Weise nachvollziehbar.
Nicht zu verstehen ist, wie immer wieder derart schlimme Fälle übersehen, wie konkrete Hinweise auf Misshandlung so konsequent ignoriert werden können: Im Fall Luca, im aktuellen Fall der Achtjährigen: Wer hat da wie wo hingeschaut? Und wie konnte man solche Verletzungen sehen und zu dem Schluss kommen, das Kindeswohl sei in der Obhut der Mutter gewährleistet?
Es braucht dringend einen Paradigmenwechsel. Denn es ist schon wieder passiert: Das Vertrauen in die Eltern war zu groß.