Doris Knecht
| 12/07
| Kurier-Kolumne
Allerorts wird seit der Veröffentlichung des„Kleinen Ellmayer“ das gute Benehmen von Kindern debattiert: Müssen sie mit Krawatte zum Kindergeburtstag erscheinen oder konveniert auch ein Mascherl? Darf ein Kind einfach baba sagen oder muss es darum bitten, sich verabschieden zu dürfen?
Gleichzeitig kann man zuhause das Radio nicht einschalten, ohne zu riskieren, dass der Nachwuchs nachhaltig vom Pfad der verbalen Tugend abgelenkt wird. Und das sind Erwachsene – im Kinderkosmos: Vorbilder – die da alle paar Minuten „Blödmann!!!!“ kreischen oder behaupten, der Nikolaus sei ein alter Sack; solcherlei. Hier klafft ein Graben, und zwar ein gewaltiger. Wie soll man zuhause, im Kindergarten und in der Schule den Kinder klarmachen, dass es nicht in Ordnung ist, Kraftausdrücke zu verwenden, wenn die im Radio ungetadelt dürfen? Wie soll man Kindern beibringen, dass es nett ist, mit anderen zu teilen, wenn ihnen allerorten entgegengerufen wird, dass es geiler sei, geizig zu sein?
„Wer nett ist, der Depp ist. So heißt die traurige Lehre, sie ist auch wirklich sehr dumm, es ist die Lebensweisheit des dummen, skeptischen, misstrauischen Menschen. Sie ist antikreativ, sie blüht nicht, sie ist ohne Überschwang, den es braucht zur Produktion“. Der Schriftsteller Rainald Goetz, der das in seinem Blog (www.vanityfair.de/extras/rainaldgoetz) schreibt, bezieht das auf das künstlerische Schaffen, aber es lässt sich brauchbar auch über den ganz normalen Alltag legen.
Denn es ist höchste Zeit, den Ruf des Nettseins zu rehabilitieren. Damit etwas blühen kann im tiefen Graben zwischen der hohlen Hülle perfekter Förmlichkeit und der immer unverhüllteren Aggressivität des Konsumegoismus.