Doris Knecht
| 12/07
| Kurier-Kolumne
Beim Weihnachtsessen habe ich wieder nicht, und zwar zwei-, nein: drei Mal nicht auf den inneren Ich-habe-fertig-Detektor gehört. Also den sogenannten Hausverstand. Aber bitte: Jedesmal, wenn ich so einen Herrn wie den bräuchte, der in dieser Supermarkt-Werbung stets zur Stelle ist, wenn sich die Entscheidungsfragen des Alltags stellen, ist keiner da.
Klar sagt der Hausverstand in der Werbung JA zum ersten Knödel dieser mageren Blonden, aber was sagt er zu meinem dritten? Den Kindern einen der vielen übriggebliebenen Schoko-Nikoläuse aus dem Sackerl fladern: ja oder nein? Noch einmal das Raclette-Schäufer befüllen: ja oder nein? Noch ein Schluck vom Wein, noch ein Trüffelkugerl, ein Stamperl vom Selbstgebrannten vom Onkel Luggi: ja, nein, was jetzt? Schon wieder niemand da, der hilft.
ICHmuss immer alles selber entscheiden, höchstens es sitzt neben mir gerade die Oma mit ihrer von Nachkriegsentbehrungen geprägten Einstellung zur Nahrungsaufnahme. Dann entscheidet sich die Sache selten zu Gunsten der Vernunft und meiner Linie.
Wo, rufe ich beim dritten Weihnachtsessen, dem mit meiner Familie, wo um alles in der Welt ist dieser Hausverstandskerl jetzt schon wieder? Da wo ein Hausverstandskerl immer ist, sagt meine Schwester, im Reich männlicher Fantasien. Weil wer glaubt im Ernst, sagt meine Schwester, der Hausverstand sei ein Mann? Aber es heißt ja: DER Hausverstand, sagt mein Schwager. Das ist ein semantisches Versehen, sagt meine Schwester. Also eigentlich sagt sie das nicht, sie sagt etwas Sinnverwandtes, das sich aber nicht zum Abdruck eignet. Und zu mir sagt sie: Weißtu was, lass das Sachertörtchen lieber, und ich sage: Danke, liebe Hausverständin, danke.