Doris Knecht
| 01/08
| Kurier-Kolumne
Das erste Mal fuhr ich in den frühen Achtzigern nach Wien. Es war Friedensdemo. Ich erinnere mich nicht daran, wie ich am Westbahnhof ankam. Die – für ein Landei wie mich – enormen Häuser in der Mariahilfer Straße mit ihren faszinierenden Leuchtreklamen überdecken die Erinnerung an den Westbahnhof: Nie zuvor war ich in so einer großen Stadt gewesen.
Aber ich entsinne mich vieler weiterer Gelegenheiten, als ich am Westbahnhof ankam: Besonders an das eine Mal, als ich mit einer Freundin und ein paar Kartons nach Wien übersiedelte. Wir kletterten aus dem Zug, verließen den Bahnsteig und wussten: dort, hinter den hohen Glasfenstern dieser riesigen Halle liegt eine unbekannte neue Welt voller Wunder, Geheimnisse und Versprechungen. Dort beginnt unser neues Leben.
Deshalb stimmt es West-Provinzler meiner Generation etwas melancholisch, dass der Westbahnhof jetzt in einen Regionalbahnhof umgebaut wird: Denn für uns war der Westbahnhof das Tor zur Welt. Wir stiegen in unseren Dörfern und Kleinstädten in den Zug und kamen in dieser weiten, lichtdurchfluteten Halle an. Wir brauchten sie nur zu durchschreiten: Abenteuer warteten auf uns, neue Menschen von überall her, Wissenschaft und Kultur und jene herrliche Anonymität der Stadt, die unsere engen Heimatorte nicht zu bieten vermochten. Wir gingen durch das Tor, um uns neu zu erfinden. Dort, hinter dem Glas, leuchtete die Zukunft.
Jetzt sehen die modernen Bahnhöfe aus wie Shopping-Malls; und beim ehemaligen Südbahnhof, dem neuen Wiener Hauptbahnhof, wird es kaum anders sein. Wir werden uns schon daran gewöhnen, dort anzukommen: Aber unser Tor zur Welt steht woanders.