Doris Knecht
| 01/08
| Falter-Kolumne
| Prost Mahlzeit
| Unter Spießern
Ich sitze mit dem Kollegen X, der gerade aus der Schweiz auf Besuch ist, im Finstern Stern, wir haben prächtig gegessen, Wein getrunken und uns den ganzen Abend über streng berufliche Dinge unterhalten. Kein Mutterblabla, ich kann auch anders. Ich habe, ganz nebenbei, meine ungebrochene, wenngleich ruhende Blattmacher-Kompentenz durchscheinen lassen, journalistische Hochprofessionalität verströmt, Trittsicherheit auf den Gebieten Politik, Literatur und Philosophie bewiesen und insgesamt gezeigt, dass ich immer noch ein Mover und Shaker bin. Oder sein könnte, wenn mir danach wäre. Nebenbei habe ich dem Kollegen mit hellwachem Interesse gelauscht, an den richtigen Stellen blitzgescheite Kompaktkommentare deponiert, und wie gerade das Dessert abserviert wird, düdelt mein Telefon und es ist Mutter Urban, und sie braucht für ihren morgigen Kindergeburtstag mein super Tabuleh-Rezept.
Hierbei handelt es sich nun um die klassische „Kann ich dich morgen früh zurückrufen“-Situation, aber ich lasse keine Mutter
am Abgrund eines Kindergeburtstags im Stich. Denn Mutter Urban hat, das sagt mir meine eigene Kindergeburtstagserfahrung, nach einem sauanstrengenden Tag in ihrer Arztpraxis heute schon zwei Schokoladenkuchen gebacken, glasiert und mit Smarties verziert (einen für den Kindergarten, einen für die Party) Geschenke eingepackt, kleine Sackerl mit nicht so schlimmen Süssigkeiten befüllt und Spiele vorbereitet, die sie morgen nach einem weiteren Tag in ihrer Praxis mit den Partygästen spielen wird. Topfklopfen u. a, und jetzt, um halb elf, stellt sie für die Mütter noch den Prosecco kalt und macht ein Tabuleh. Ich lasse Mutter Urban jetzt nicht hängen. Stör ich eh nicht, sagt Mutter Urban, und ich sag, nein, du, kein Problem, also du hackst das ganze Gemüse klein und mischt es dann mit Couscous, doch, Bulgur, geht auch, und nein, nicht vorher kochen, misch einfach den trockenen Bulgur mit dem Gemüse und den Kräutern, tu reichlich Olivenöl und Zitronensaft dazu, Salz und Pfeffer, und stell es über Nacht in den Kühlschrank, das saugt sich selber voll, ja, ganz von selbst, ganz ungart, im Ernst, ehrlich, glaubs mir, und es wird dann auch nicht so pappig, sondern bleibt schön körnig.
Währenddessen schaut mich der Kollege X mich über den Tisch hinweg mit so einem Blick an, nippt ein wenig am Weinglas, intensiviert seinen so-Blick, und sagt, als ich das Handy wieder wegpacke, ah, Couscous. So so. Er hat übrigens ein so super Rezept für ein mit Couscous gefülltes Huhn, also. Und das schreibt er mir, während ich am Klo mein Antlitz kühle, mit meinem Fülli in mein venezianisches Notizbuch:
Couscous (gegart! am besten mit Kräutern und Pilzen) in 1 totes Stubenküken füllen, mit Äpfeln, bisschen Leber (bös aber gut: Gänsestopfleber) abdichten. Dem Küken ein paar Kräuter unter die Haut stopfen, bei 200 grad schmurgeln, en gueta. Und ich möchte nicht sagen, der Abend ist ab dann im Arsch; sondern im Gegenteil.