Doris Knecht
| 01/08
| Beschwerden
| Falter-Kolumne
| Kinder und andere Mitbewohner
| Prost Mahlzeit
| Unter Spießern
Maria ruft an und sagt, sie glaubt, es heißt DIE Tabuleh. Philipp smst, es gehören aber unbedingt Rosinen rein. Mark mailt, schön und gut, aber ein Tabuleh wär doch schon eher ein Sommeressen. Die E. sagt bei der Geburtstagsparty vom D., danke, jetzt kann sie sich beim Tabulehmachen endlich das depperte Couscous-Einweichen ersparen, das hat sie eh immer so genervt.
Und sehen Sie, genau das ruiniert den Journalismus. Genau das korrumpiert die Journalisten, die hunderte messerscharfe Hintergrundanalysen über politische Ereignisse in die Zeitung schreiben können, tausende blitzblanke Blicke auf die Aktualitäten der Realität werfen oder in Millionen Kolumnenzeilen die diversen Elende in der Welt beprangern: Auf all das kriegt man kaum ein Reaktiönchen. Nichts, praktisch. Man ist wie gar nicht da. Aber schreiben Sie einmal ein Rezept in Ihre Kolumne, dann wird
Ihre Existenz sogleich wohlwollend zur Kenntnis genommen, Sie werden unverzüglich Teil der Relevanz-Elite und man reißt sich darum, Sie vorstellen zu dürfen. Ahh, du bist die mit dem tollen Tabuleh-Rezept, freut mich! Ja, die bin ich; und nächste Woche veröffentliche ich ein knallhartes Coq-au-vin-Rezept, extrem exklusiv, ich sage nur soviel: Weißwein.
Wenigstens wurde ich bei erwähnter Party gegen eins von einem Kabarettisten mit den Worten, halloooo, bist du betrunken?, begrüßt, und momentan gebrach es mir an den Mitteln, das mit pointiertem Protest zu kontern. Ich bin darauf nicht stolz und erwähne es lediglich, um den intensiven Küchengeruch mit jenem schlechten Atem zu überdecken, der von mir erwartet wird. Dennoch liegt die Wahrheit eher im Rezeptbuchregal, wenn auch nicht unbedingt letzte Woche. Letzte Woche nicht: Party im Espresso Auflegen im
rhiz, noch eine Party im Espresso, Auflegen im Berfin. Am Samstag hütete ich dann den ganzen Tag mit einem Buch das Bett und stand nur am Abend kurz auf, um schnell ein Coq au Vin zu zaubern. Und die Kinder wollten helfen. Und es ist ja so wahnsinnig gut für Kinder, wenn man sie an so ganzheitlichen Produktionsprozessen wie der Essenszubereitung beteiligt. Und sie können ja so viel dabei lernen. Und es geht mir so auf den Zeiger.
Weil Kochen ist entweder ein konzentrierter oder ein kontemplativer Vorgang; beidem sind Kinder nicht zuträglich. Kinder stören beim Kochen noch mehr als Gäste, die unbedingt helfen oder reden wollen, während man gerade etwas sehr Sensibles sorgfältig auf den Punkt rührt. Ich bin gleich fertig, setz dich schon mal! Ja, aber ich bin doch wegen dir da! Das freut mich, aber lass mich das schnell fertig machen, ich bin gleich bei dir. Aber wie geht es dir! Also, im Moment geht’s mir so, dass ich dir, wenn du jetzt nicht dalli abzupfst, Facetten meiner Persönlichkeit präsentiere, die dir eine Prolongierung unserer Freundschaft verunmöglichen, und mein Coq-au-vin-Rezept kriegst du auch nicht.
Und, nein, Sie schon gar nicht. Ich lass mich doch von Ihnen nicht korrumpieren, aber sicher nicht.
Danke für die Erkenntnis, daß ich nicht alleine mit meiner Einstellung bin, daß ich nur alleine in der Küche glücklich werden kann. Meine Kinder reißen sich zwar eh nicht besonders um Küchenarbeit, aber die Habara wollen dauernd "helfen" und stehen immer vor genau dem Kastl, aus dem ich gerade was brauche. Als sehr effektiv hat sich bei schweren Fällen aber die "Ich gehe jetzt und du machst weiter"-Methode erwiesen. Vorausgesetzt man hat noch einen kulinarischen Plan B und ist nicht ausschließlich auf das Geschick des in der Küche zurückgelassenen "Gastes" angewiesen.