20.02.08

Das war zuverlässig der Horwath

Doris Knecht | 02/08 | Beschwerden | Falter-Kolumne | Freunde | Prost Mahlzeit | Unter Spießern

Ich bin mit dem Sedlacek zum Frühstück verabredet, und zur Begrüßung sagt er, das sei jetzt schwer zu glauben, aber er hat vorhin auf der Straße einen großen Mann mit einem Kind im Genick und Brillen wie zwei kleinen Fernsehern gesehen, war das vielleicht der Horwath? Das war zuverlässig der Horwath. Coole Brille, sagt der Sedlacek, sehr einprägsam. Sagte ich doch, sage ich, wie geht es dir? Einen doppelten Espresso und ein großes Glas Wasser, sagt der Sedlacek, nein, zum Essen nichts.

Es geht dem Sedlacek gut. Der Sedlacek ist zufrieden. Naja, bis auf die Weiber. Aber über die Auftragslage kann sich der Sedlacek nicht beschweren. Es ist natürlich anstrengend. Diese Woche war er schon in London, letzte Woche in Kopenhagen und in Mailand und vorletzte Woche in Hongkong. Und die ewige Fliegerei macht dir nichts aus?, sage ich. Nein, sagt Sedlacek. Ich flieg nicht mehr gern, sage ich. Ich bin auch nicht gern länger als zwei Tage weg von der Familie, es ist wie früher, als Kind, ich bekomme Heimweh. Echt, sagt Sedlacek. Ja, sage ich, wie damals im Jungscharlager: Weißt du, der Schmerz ist nicht kleiner geworden, nur die Person rundherum größer. Der Sedlacek schaut mich

mitleidig an und sagt (wie immer ohne den geringsten Sinn für Poesie), das findet er einen pathetischen Scheißdreck und eine wirklich geschissene Ausrede dafür, dass ich zu faul bin, den Hintern von meinem gemütlichen Sofa hochzukriegen und mein Blick einmal ein bisschen weiter als nur bis zu meinen Kindern und meinen Sprossenfenstern zu richten und vielleicht noch bis hinüber zu den Nachbarn, ich hab übrigens gehört, die Anna zieht vis a vis von dir ein? Richtig, sage ich; übrigens, hast du zugenommen?

Sedlacek sagt, dass das jetzt ein bissl saubillig war (was stimmt, und ich entschuldige mich) und er ist sowieso am abnehmen. Schaust eh gut aus, sage ich, jetzt ehrlich. Na, sagt Sedlacek, die Mutter Urban, bei der er wegen seines selbstdiagnostizierten Verdachts auf Haarwurzelkrebs war (warum sind eigentlich alle meine Freunde, bis auf den Horwath, totale Hypochonder?), habe ihm auch gesagt, er wird ihr ein bissl zu blad, er soll jetzt bitte vorübergehend nicht mehr ins St. Josef oder in die Stadt Krems Mittagessen gehen, sondern ins Schon Schön oder ins Mono oder auf ein Süppchen ins Sapa. Ist es nicht fein, sagt Sedlacek, eine mit den eigenen Lebensumständen vertraute Bobo-Ärztin zu haben, die einem nicht nur sagt, was man nicht essen soll, sondern auch, wo man es nicht essen soll. Die Mutter Urban habe ihm auch gesagt, dass er vielleicht endlich einmal eine Gesundenuntersuchung oder wie das jetzt heißt machen soll: Also hatte ich vermutlich Recht mit dem Verdacht, sagt der Sedlacek, und die Urban will es mir nur nicht so direkt sagen. Was für ein Verdacht, sage ich. Der Haarkrebs, sagt der Sedlacek, und da links, in der Lebergegend stimmt eindeutig auch was nicht, das sticht schon seit Wochen, und ich sag, Sedlacek, du bist ein Vollidiot, die Leber ist übrigens rechts. Apropos Leber, warst du aus gestern?, sagt Sedlacek, ja, sage ich, zufällig mit Mutter Urban, und ich habe gefühlte 45 Spritzer getrunken. Und man sieht dir jeden einzelnen davon an, sagt Sedlacek.

Danke für eine Information, die ich schon hatte. Und natürlich sieht Sedlacek nicht die 200 oder so Spritzer, die ich nicht getrunken habe, während ich davor an acht Abenden hintereinander daheim auf meinem Sofa geklebt bin: yo ho ho, und ein Kännchen voll Tee. Ach ja, Herr Ober, einen Grünen Tee bitte, magst auch noch was?, und Sedlacek sagt, nein.


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