Doris Knecht
| 02/08
| Kurier-Kolumne
Der chinesische Promi-Porno-Foto-Skandal ist eine Lehrstunde im Unterrichtsfach „Privatsphäre“. Denn die Geschichte des chinesischen Jungstars, der seinen Laptop zur Reparatur gab, ohne zu bedenken, dass er darauf über 1000 private Sex-Fotos gespeichert hat, ist exemplarisch: Dafür, dass die größte Bedrohung für unsere Privat- und Intimsphäre wir selber sind – und die Überwachungskameras, die wir selber auf uns richten.
Natürlich hat sich der Privatheitsbegriff seit den 50ern massiv verändert: Die sog. eigenen vier Wände sind seit der Erfindung des Internets extrem durchlässig geworden – was heißt: sie existieren in dieser Form nicht mehr, weil wir das, was wir in dieser Sekunde zuhause privat tun und denken, in der nächsten der ganzen Welt zeigen und mitteilen können. Und es, siehe Millionen Chat-Foren, gerne tun.
Das Privatfernsehen wiederum kauft seinem Publikum erfolgreich die Scham ab: erstens mit Geld, zweitens indem es den Leuten einredet, dass etwas derartiges wie ein Geheimnis nicht mehr exisitert, wenn nur alle ihre Geheimnisse preisgeben. Die Schamgrenzen haben sich so massenhaft gegen Null verschoben, dass man den Eindruck gewinnen kann, alle bekämen ihre Kinder in Anwesenheit des Fernsehens, oder ließen sich unter die Bettdecke schauen, oder nur noch das Fernsehen mache Vaterschaftstest; und Auswandern oder Kochen oder Einrichten sei ohne das Fernsehen gar nicht mehr möglich.
Wir zeigen alles, wir filmen alles, jedes Kind hat eine Kamera im Hosensack, und immer mehr Leute haben auch eine im Schlafzimmer: Die Löcher in unseren vier Wänden sind so groß wie Schaufenster.