26.02.08

Leben ohne Vorhang

Doris Knecht | 02/08 | Kurier-Kolumne

Der chinesische Promi-Porno-Foto-Skandal ist eine Lehrstunde im Unterrichtsfach „Privatsphäre“. Denn die Geschichte des chinesischen Jungstars, der seinen Laptop zur Reparatur gab, ohne zu bedenken, dass er darauf über 1000 private Sex-Fotos gespeichert hat, ist exemplarisch: Dafür, dass die größte Bedrohung  für unsere Privat- und Intimsphäre  wir selber sind – und die Überwachungskameras, die wir selber auf uns richten.
Natürlich hat sich der Privatheitsbegriff seit den 50ern massiv verändert: Die sog. eigenen vier Wände sind seit der Erfindung des Internets extrem durchlässig geworden – was heißt: sie existieren in dieser Form nicht mehr, weil wir das, was wir in dieser Sekunde zuhause privat tun und denken, in der nächsten der ganzen Welt zeigen und mitteilen können. Und es, siehe Millionen Chat-Foren, gerne tun.
Das Privatfernsehen wiederum kauft seinem Publikum erfolgreich die Scham ab:  erstens mit  Geld,  zweitens indem es den Leuten einredet, dass etwas derartiges wie ein Geheimnis nicht mehr exisitert,  wenn nur alle ihre Geheimnisse  preisgeben. Die  Schamgrenzen haben sich so massenhaft gegen Null verschoben, dass man den Eindruck gewinnen kann,  alle bekämen ihre Kinder in Anwesenheit des Fernsehens, oder ließen sich  unter die Bettdecke schauen, oder nur noch das Fernsehen mache Vaterschaftstest; und Auswandern oder Kochen oder Einrichten sei ohne das Fernsehen gar nicht mehr möglich.
Wir zeigen alles, wir filmen alles, jedes Kind hat eine Kamera  im Hosensack, und immer mehr Leute haben auch  eine im Schlafzimmer: Die Löcher in unseren vier Wänden sind so groß wie Schaufenster.

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