Doris Knecht
| 03/08
| Arbeit & Wirtschaft
| Falter-Kolumne
| Kinder und andere Mitbewohner
| Schuld und Sühne
| Unter Spießern
Diese Woche brachte die erfreuliche Nachricht, dass die Mimis einen Platz an dieser kuscheligen, kleinen Schule haben. Es sind dort alle sehr nett und engagiert und pro Klasse gibt es, schätze ich, ungefähr zwei Ausländer, Schweizer oder Dänen oder so, deren Eltern vermutlich im Management eines BioFood-Distributors arbeiten. Oder bei der UNO. Wir haben den Kindern auch realitätsnähere Schulen gezeigt, mit rauchenden, kraftwörterspuckenden Hauptschülern am Schulhof, in die sie trotzdem nicht wollten. Zugegeben, es ist leicht, zwei Sechsjährige dazu zu kriegen, unbedingt an die kleine, engagierte Schule zu wollen, wenn sie dort beim Tag der offenen Tür zehn frühere Kumpels aus dem Kindergarten in den Klassen treffen und die Kinder der Freunde, der Nachbarn und anderer bildungsnaher Eltern, die ihren Nachwuchs ebenfalls gern an einer kuscheligen, kleinen, engagierten Volksschule ohne gewaltaffine 14jährige wissen.
Und wo das schlimmste Wort, das die Erstklässler nach Hause bringen, etwas ist wie wie wie... wie Nutella. Mama, was bedeutet das: Nutella? Das, Kind, ist ein ganz böses
Zucker-Fett-Gemisch, das sich das Kaloriat aufs Brot schmiert, pfuipfuipfui! Die Tochter von Freunden, die nicht in die kuschelige, kleine Schule geht, lernte in ihrer dritten Schulwoche einen wohlklingenden kroatischen Ausdruck, den sie ihrer Erziehungsberechtigten bereitwillig mit „Fick deine Mutter“ übersetzte. Man soll das positiv sehen; hier lernt das Kind das Grundvokabular zum Überleben im globalisierten Turbokapitalismus, das kann es mal brauchen.
Das wird unseren vorenhalten; ja, feig: Man ist ja Ex-Subkultur, Ex-Unterhaltungschemie, Ex-Headbanger, Ex-Rebell. Was heißt: tief im Herzen ist man doch immer noch irgendwie Rebell, braucht bloß nicht mehr jeder gleich zu sehen. Man ist bio und öko, so guts geht, man läßt die Kinder nicht fernsehen und nicht computerspielen, um ihre Kreativität nicht zu ruinieren und sie nicht schon jetzt der Werbung auszuliefern, man gibt Bettlern nichts, weil Bettler von Banden ausgebeutet werden. (Man lässt lieber von einer untadelligen wohltätigen Organisation abbuchen, die das Geld vernünftig verteilt: Das erklärt man den Kindern, und die Kinder erklären es den Bettlern, und auch die Straße wird zu einem Ort permanenter Demütigung.)
Habt man aber voll und ganz verdient. Man reißt ja immer s’Maul auf, wenns die offene Gesellschaft Thema ist und beschwört einen gesunden, realistischen Multikulturalismus. Man ist ein verlogener Scheißdreck, weil kaum geht es um die eigenen zarten Sechsjährigen, möchte man die, wenns leicht geht, doch lieber möglichst lange nicht der Welt der rauhen Sitten aussetzen, der Verdrängswettbewerbsgesellschaft, wo immer nur das Gesetz der Stärkeren gilt: Man hat sich da bereits ein schönes Verteidigungssprech-Repertoire angelegt.
Ja ja: Wir schimpfen uns ja selber Spießer. Wenn uns schon wieder niemand widerspricht, weinen wir kurz ins Kopfkissen. Ganz kurz nur, weil: Traurig, tja, wirklich; aber die Schule, bitte: echt nett.
verdammt, jetzt gibt's gewaltig minuspunkte doris knecht!
klar ist das eine schwierige entscheidung! aber mist, wohin soll so eine knecht-solution führen?
mein kind hat gleich nach weihnachten an den bürgermeister einen brief geschrieben, bitte bau mir einen serbischkurs, damit ich mich mit meinen freunden verständigen kann. gute idee find ich. und sage und schreibe, es war schon jemand höchstpersönlich vor ort vom stadtschulamt, mit der direktorin sinds ins klassenzimmer (13 kinder! 2 räume!) gekommen, peinlich war's ihm, sagt er, aber inzwischen kann er schon 7 richtige worte. keine schimpfworte.
und was lernen wir noch draus: er kann nach weihnachten bereits einen brief an den bürgermeister schreiben.
obwohl er 1 von 2 "deutsch-als-muttersprache" geschöpfen ist. da wird man besonders gehätschelt und umsorgt, weil man ja die quote hebt. und als mutter brauch ich dort nur mit dem finger zu schnippen und man hört mir zu. sehr angenehm.
feige kleine kuschelschule, an der die direktorin auf die anfrage unserer freundin (mit halb-afrikaner-kind), wie mit der "ausländerfrage" umgegangen wird, antwortet, es gäbe an der schule ja eh ein paar schokobabies.
und 14jährige gibt's an einer volksschule ja sowieso nicht. schlecht aufgepasst oder was?!
doris knecht: minus setzen!