Doris Knecht
| 03/08
| Beschwerden
Oben hui, unten pfui: die Zustände im Stadthallenbad. (Falter 10/08)
(Fotos: Knecht)

Wie die Sonne durch das Glas bricht. Wie das 50-Meter-Becken schimmert. Wie sich die roten Stahlträger elegant darüberschwingen. Das Stadthallenbad, zwischen 1971 und 1974 von Roland Rainer erbaut, ist bis heute ein schönes Bad, ja was, eines der schönsten.
Schwimmer betreten das Stadthallenbad aber vom Bauch des Bades her, und der sieht bis heute so aus wie 1974. Und an manchen Stellen so, als sei seit 1974 nicht geputzt worden. Wobei die Kittelschürzen-Damen tun, was sie können: Als man zum Beispiel kürzlich bei der Schlüsselrückgabe deponierte, dass die Treppe vom Bad herunter zu den Duschen blutbespritzt sei (was sie, Kehre für Kehre, auch schon gewesen war, als man eineinhalb Stunden zuvor Richtung Bad hinauf stieg), sandte die Dame sofort jemanden, die Misere zu beseitigen.
Wobei jene Hygiene-Miseren, die von den Damen schnell beseitigbar sind, zu den minderen gehören. Was da unten im Bereich der Damen-Kästchen und Duschen pickt und wuselt, keimt und wächst, würde man in einem privaten Wiener Hallenbad eher nicht erwarten – soweit man ein Bad „privat“ nennen möchte, das zu einem Unternehmen der Wiener Holding gehört, welche wiederum zu 100 Prozent im Besitz der Gemeinde Wien steht.
Immerhin: Erst kürztlich wurde aus einzelnen, nicht zwingend harmonierenden PVC-Buchstaben ein neuer DAMEN-Schriftzug an der Tür vor dem Sanitärbereich angebracht. Gleich dahinter: abgewetzte Kästchen, halbblinde Spiegel, lackblätternde Bänke. Darüber eine Decken-Konstruktion aus rostigen Belüftungsrohren, aus der Kabelenden lose baumeln: An einer Stelle, über einem der Mülleimer, lässt intensiver Rostbefall vermuten, dass Feuchtigkeit direkt über einer hängenden Steckdose austritt. (Die Kabel führen, versichert die Verwaltung, keinen Strom.)
Überall, vor allem unten an den Wänden, wo sie offensichtlich durch wiederholten Putzbürsten-Kontakt gelockert wurden, fehlen Fliesen und wurden unbürokratisch durch Schmutz ersetzt. Die Bodenfliesen an einer Stufe zur Dusche sind mit Gaffertape befestigt. In den Nassräumen klebt Dreck in den Ecken zwischen Wand und Boden, Haarfilzteppiche picken auf den Stufen zu den Duschen, in den Duschen vermehrt sich in den Ecken schwarzer Schimmel. Dass man meistens durch ein Flokati aus Mädchenhaaren watet, liegt einerseits daran, dass Kurzhaarfrisuren bei weiblichen Teenagern offenbar als überaus bähh gelten. Andererseits ist der Sanitärbereich der Stadthallenbads schlicht nicht dafür konzipiert, dass täglich ein Dutzend Schul- und Kindergartenklassen dort durchgeschleust werden. Was allerdings der Fall ist und unter der Woche zu längeren Wartezeiten vor den Duschen und dem großen Rohrfön führt, sowie der Notwendigkeit, meterweise Frauen- und Kinderhaar in allen Farbtönen wieder von den Zehen abzuwickeln.
An den Rohren an der Wand links neben dem Aufgang zum Bad, gleich neben dem Anti-Fußpilz-Sprühhahn, hängen die Damen die Putzfetzen zum Trocknen auf: Auf Zink- und Kunststoffrohren vermehrt sich Kalk und Schimmel, und ganz oben gedeiht satt und dunkelgrün eine Algenart, deren Ausläufer prächtig über die Rohre hängen. Die Treppe zum Bad hinauf ist mit eingetretenen Kaugummis dekoriert.
Die Stadthallenbad-Verwaltung, mit den hygienischen Details konfrontiert, ist sich der Misere bewusst: Die Zeit nage am Bad, viele Sachen seien uralt. Die Fliesen würden nicht mehr hergestellt und können deshalb nicht ersetzt werden, die Tücher an den Rohren seien keine Putztücher, sondern sollen die Feuchtigkeit auffangen, die von den undichten Schwimmbecken unaufhaltsam heruntertropfe. Nach der EURO, heißt es, sei „ein Projekt für eine Generalsanierung“ geplant, bis dahin seien die Kittelschürzendamen angehalten, zu putzen, was nur geht.
Soweit es eben geht. Aber das Bad oben: herrlich.









dem von meiner familie väterlicherseits vererbten kurzsichtigkeitsgen verdanke ich 2,5 dioptrien, mit denen ich brilletragend aber fröhlich durchs leben gehe. das glitzern der sonne im stadthallenbadwasser erlebe ich immer noch ein wenig verstärkt, weil ja der sehbehelf im kastl liegt und daher die bilder meiner umgebung unscharf auf meiner netzhaut eintreffen. und außerdem kann ich die oben dargestellten grauslichkeiten gar nicht erkennen! ich hatte ja keine ahnung!
manchmal kann so eine kleine sehbehinderung ganz nützlich sein. i wüs goa ned wissn, ned so genau...