19.03.08

Oder nach dem Alphabet

Doris Knecht | 03/08 | Falter-Kolumne | Frauen / Männer | Kunst & Kultur

Der Urban hab ich den geplanten Kinobesuch  abgesagt, denn ich musste meine Bücher sortieren. Wie langweilig kann man eigentlich werden? Das hat sich, glaub ich, auch Sedlacek gedacht, neben dem ich auf Mizzis Geburtstagparty zu sitzen kam: Wir stießen auf Mizzi an, ließen uns von Anna in inniger Umarmung fotografieren und erinnerten uns mit sentimentalem Gegrinse daran, wie wir einmal fast... aber nur fast. Den Großteil meines Konversationsanteils befüllte ich mit kleinen Schwänken aus meinem Leben, die nur unzureichend davon abzulenken vermochten, dass es von meiner Existenz nicht viel zu berichten gibt, außer Langweiliges. Also langweilig für Mover und Shaker wie Sedlacek, die ein Leben voll beruflichem Abenteurertum, gesellschaftlicher Risikobereitschaft und sexueller Ausschweifung im In- und Ausland führen. Und auch wenn ich von früher weiß, dass das oft spannender klingt als es ist und immer aufreibender ist als einem gut tut, fühlte ich mich neben Sedlacek, ich weiß nicht, teigig vor Normalität. Wie jemand, der 38 Versicherungen auf seinen Namen laufen hat und gerade einen Doppelcarport baut. Langweilig, langweilig, langweilig. Langweilig.
   Es ist eine Sache, mit Sedlacek zu frühstücken und ihm die organisatorischen Höchstleistungen auseinanderzusetzen, die man als berufstätige Mutter, empathische Partnerin und Frühstücksmuse interessanter Kerle so erbringt: das haut hin an einem Montag um neun im Kaffeehaus. Aber es ist etwas anderes, wenn man bei der Party auch nach dem sechsten Achterl nichts Aufregenderes als das zu erzählen hat, keine geheimen Bonustracks nach den ganzen Mutti-Nummern, nichts: nur aufgewärmte Kamellen. Tatsächlich vereinfacht einem solche Geheimnislosigkeit das Dasein 166 Stunden die Woche und macht einen grundsätzlich froh und den Schlaf tief, aber es gibt diese paar Augenblicke, wo man sich in dieser patenten Zufriedenheit einfach nur abgrundlos fühlt. Versteinert und taub.
   Die Frage wäre dann aber, ob man sich unter Einsatz aller Kräfte gegen die Verödung der Biografie wehren sollte (Sedlacek findet: unbedingt), oder ob man sich besser in sein Schicksal fügt, die Tatsachen, wie sie nun mal sind, akzeptiert und sich einfach darüber freut, dass man jetzt Roths „menschlichen Makel“ findet, wenn man ihn braucht, weil die Bücher endlich sortiert sind. Alphabetisch nach Autoren übrigens, was der Buchhändler gegenüber dem Langen spontan einen Scheidungsgrund nannte. Einmal abgesehen davon, dass ich Männer, die ihre Badezimmer ersatzlos zu Bibliotheken umwidmen, zwar intellektuell charmant, für eine Ehe mit mir aber mindergeeignet finde, teile ich die Welt, im Unterschied zu früher, als ich jung und beruflich auschweifend war, nicht mehr danach ein, ob einer seine CDs nach Themengebieten (gut) ordnet oder nach dem Alphabet (meinerseel). Ich würde mich zur Not jetzt auch mit einem alphabetischen unterhalten. Soweit ist es mit mir gekommen, Sedlacek, so weit.
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» 24.03.08 15:22
Christian M.

Sehr geehrte Frau Knecht,

also ich bin zwar erst 33 Jahre alt. Doch bin ich jetzt schon so langweilig geworden, dass ich nicht mal mehr in einer fremden Stadt - zumal die deutsche Bundeshauptstadt- ausser Haus geh (na ja , allein in einer fremden Stadt loszieh´n find ich halt nervig).
Ich wußte gar nicht, daß sie auch für "NEON" schreiben. Schon ein Tannenzäpflle (BIld im Neon) getrunken? Hier in Deutschland gibt´s sogar Bier in Plastikflaschen (-ist sicher ein unvergleichliches Geschmackserlebnis). Da ist dann nichts mit Feuerzeugbenutzen ;). Schönes Fest,

Mit freundlichen Grüßen Herr M.

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