7.03.08

Unter Entkräfteten

Doris Knecht | 03/08 | Kurier-Kolumne

Man müsste öfter zum Arzt. Länger in Wartezimmern sitzen. Sich  in Zeitschriften mit Prominenten darin vertiefen, die man sonst leider nicht im Abo hat. Wie ich jetzt wieder einmal beim Arzt war, blätterte ich mich dort durch ein nicht vollkommen druckfrisches LiFE und fand darin ein großes Foto von Ex-Minister Ernst Strasser und seinen zart grauen Schläfen. Darüber in fetten Blockbuchstaben  den Rubrik-Hinweis „MESCHEN: Politik der Woche“. Diese Unterstellung erschien mir unfair; der Mann hat momentan genug Sorgen mit vertraulichen Mails, die in schändlicher Absicht an die Öffentlichkeit gebracht wurden und sollte sich nicht auch noch mit Strähnchenvorwürfen herumplagen müssen. Gleich sah ich nach, ob die Zeitschrift auch Meschen aus Kultur und Gesellschaft outete: aber in diesen Rubriken wurden nur Menschen vorgeführt.
Nicht beim Arzt, sondern auf orf.on fand ich gestern die Meldung, der Gitarrist Keith Richard modele (oder  wie sagt man richtig denglisch? Modle?) für Louis Vuitton und sei von der Starfotografin Annie Leibovitz „als dunkler Rocker ins Szene gesetzt“ worden. Da sag ich: pfau. Keith Richards! Als dunkler Rocker! Das wird uns einmal eine ganz neue Sicht auf den Rolling Stone vermitteln: Wo wir ihn doch sonst nur als zärtliche Friseurin im  blassrosa Kittel kennen.
Dann gabs noch, ich hörte es von Ferne aus dem Radio, einen Parlamentarier, der sich – es muss in der  Debatte zum Untersuchungsausschuss  gewesen sein – als „Sprachrohr der Entkräfteten“  bezeichnete. Wer immer es war, ich  hoffe er setzt sein Rohr auch zur Verteidigung des entkräfteten Strasser ein. Ich bin nämlich sicher, das Schläfengrau ist echt.
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