05.03.08

Will ich aber

Doris Knecht | 03/08 | Falter-Kolumne | Frauen / Männer | Kinder und andere Mitbewohner | Kunst & Kultur | Schuld und Sühne

Ah, der Frühling ist da. Ich kann ihn hören. Andere werden vom Frühling mit knospenden Bäumen, blühendem Krokus und zarten Schneeglöckchen überrascht, mich begrüßt er Jahr für Jahr mit einer Schimpfkaskade vor der Wohnungstür. Myriaden verbotener Wörter, die die Kinder, ich sehs ihnen an, gleich gierig in ihren Wortschatz eingemeinden: Himmelherrgottsackkrutzitürkendugrauslichedummefut. Der Lange pumpt sein Fahrrad auf: der Frühling ist da. Gleich werde ich, wie jedes Jahr, hinaus vor die Tür gehen, gleich werde ich dem Langen, wie jedes Jahr, erklären, wie man ein Fahrrad aufpumpt; gleich werde ich sein Fahrrad aufpumpen. Aber erst will ich noch das Glück genießen, dass jetzt endlich Frühling ist. Bald wir es sprießen, blühen, duften. Der Frühling ist da, ich hör ihn schon.
  Später stehen wir vor dem Schuhgeschäft. Ich sage, Langer, du brauchst nicht mitkommen. Der Lange brummt. Ich sage, Langer, komm nicht mit, das macht dich nur narrisch, wenn vier Weiber durch ein Schuhgeschäft wuseln, geh doch derweil Hemden schauen. Der Lange sagt, er geht jetzt mal mit rein.
  Denn der Frühling ist da, die Kinder brauchen neue Turnschuhe. Oma, die auch mit ist, will sie unbedingt bezahlen, was zu autonomiepolitischenKomplikationen führen kann. Auch deshalb war ich schon gestern zu Sondierungszwecken hier; habe alles aussortiert, was nicht wasserdicht oder anders unvernünftig ist. („Unvernünftige Schuhe dürfen nur Menschen über einen Meter 65 haben, die für ihre Blödheit vollumfänglich selbst bezahlen, also ich zum Beispiel“: aus einer Rede an mein Volk). Ich weiß schon, welche von den vernünftigen dem einen Kind zuverlässig gefallen werden, und bei welchen das andere umstandslos in bittere Tränen ausbrechen wird, weil solche entwürdigenden Schuhe auch nur in Erwägung gezogen werden. Ich bin vorbereitet.
  Bevor ich „also“ sagen kann, wuselt die gesamte Familie bereits durch die Kinderschuh-Abteilung und stemmt begeistert Schuhähliches in die Höhe, in dem ein Kinderfuss schon herumschwimmt, wenn es von einem Tröpchen Morgentau zart genetzt wird. Was ist mit denen! Den Mimis, die nicht lesen können, verzeihe ich das, der Oma und dem Langen nicht, denn die sind der Schrifterfassung mächtig und überdies instruiert, nur Schuhe in die Auswahl aufzunehmen, an denen ein eindeutiges Dingstex-irre-wasserdicht-Schildchen baumelt. Der Lange: Hallo, was ist mit denen! Die nervige Mutter: Sind sie wasserdicht? DL.: Weiß nicht. DNM: Hängt ein Schild dran? DL: Äh, nö. DNM: Dann: nein. Der Lange: Du brauchst jetzt nicht gleich hysterisch werden.
   Will ich aber. Zum Glück bringt der Frühling dieser Familie (jetzt außer Oma) etwas gänzlich Unerwartbares nämlich ein gemeinsames Lieblingslied, „Time to pretend“ von MGMT: nochmaaaal! Lauter! Verrückt schön. Gleichzeitig Headbangen und das Herz festhalten, weils einem das sonst herausreißt. Frühling wirds: ich spür ihn schon.
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