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Doris Knecht
der doris-knecht-blog: geschriebenes, gefundenes, beschwerden, einwände, trost, rat, lob, tadel und was sonst so anfällt. aus: falter, kurier, presse, profil, tagesanzeiger, anderswo und der werkstatt.
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30.04.08

Du hast es versprochen

| 04/08 Falter-Kolumne

Es war auch endlich warm. Man konnte die Hosen hochkrempeln und barfuss laufen und sich einen Sonnenbrand an den Waden holen und Bienenstiche an den Fussohlen. Das Bubenmimi hat sehr geheult, es war ihr erster Bienenstich, wir schmierten dick eine wichtig aussehende Creme darauf, und das Kind erholte sich schnell. Später gingen wir zur Waldlichtung, dort standen drei Gestalten in grotesker weißer Schutzkleidung in der Sonne und sahen aus, als drehten sie ein billiges Sequel von „Outbreak“. Spooky irgendwie. Es waren aber nur der Horwath und sein Freund, der Polz und die Freundin vom Polz an Tag eins nach der Absolvierung des Imkerkurses. Der Horwath macht jetzt auch Honig; soll mir recht sein. Wir fotografierten den Horwath und den Polz und seine Freundin mit dem Handys, später fotografierte der Horwath die Kinder und ihre Papp-Medaillen und ihr Siegerlächeln. Denn sie hatten alle die 400 Meter Ersatzmarathon geschafft, die wir ihnen ausgesteckt hatten, weil wir dann doch nicht in aller Herrgottsfrüh nach Wien gefahren waren, damit die Kinder an diesem Kinderlauf teilnehmen konnten. Stattdessen fand der Kinderlauf auf einem Waldviertler Kiesweg statt, es gab wertvolle-Panini-Preise, alle waren froh. Auch die Eltern, die sich nachher wieder in den Schatten von Horwaths Sonnenschirm in Horwaths Garten setzen, Zeitungen lesen, einen Sonnenbrand auf dem Hirn kriegen, deppert reden und überlegen konnten, was man als nächstes essen soll. Es wird viel gegessen im Garten der Horwaths.
  Später gab es eine kleine Krise, als der Horwath „elf“ antwortete, auf meine Frage, wie schrecklich das Ritterfest auf der zehnteiligen Schrecklichkeitsskala jetzt ehrlich gewesen sei. Elf! Wir hattens versprochen gehabt, aber ein gütiger Geist, der Lange nämlich, hatte mir die Klänge von Schalmeien und sich kreuzender Schwerter erspart. Und Bekleidung, neben der man sich freut, dass man eine elegante pestogrüne Wanderjacke tragen darf. Ich schaukelte auf der Hollywoodschaukel, während der Lange und der Horwath auf dem Burgfest den Horwath verfluchten, der seit Wochen am Spielplatz von diesem Burgfest geredet hatte, dass man dort unbedingt hin muss, und wie toll es die Kinder finden und alles. Der Horwath hatte wohl, wenngleich er normal nicht zu Kinderglücksverklärungsbedingter Bewusstseintrübung neigt, kurz verdrängt gehabt, wie arsch es die Erwachsenen finden. Jetzt weiß er es wieder.
  Dafür bekam ich Sonnenbrand auf den Fußssohlen, überlegte, warum verdammt ich mir eigentlich nichts kurzärmeliges Unschwarzes eingepacken hatte können, ärgerte mich über das Zeit-Magazin (Wolfgang Joop, Chef des teuersten deutschen Modelabels, in einer Geschichte über Mahlzeiten in seiner Potsdamer Villa: „Ich erzähle oft von Zeiten des Mangels und der Improvisation.“) und ein Vogel schiss mir aufs Handy. Es war ein aber kleiner Vogel, und seine Ausscheidungen trübten mein Frühlingsglück nicht.
30.04.08

Respekt für die Opfer

| 04/08 Kurier-Kolumne

In Heinrich Bölls Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ von 1974 schmuggelt sich ein Journalist als Anstreicher verkleidet in ein Spital, um sich ein Interview mit der kranken Mutter einer  Verdächtigen zu erschleichen : Nach allem, was erst vor Tagen im Zusammenhang mit geheimen Akten zum Kampusch-Fall geschehen ist, darf man vermuten, dass sich der Boulevard auch diesmal einiges einfallen lassen wird, um möglichst als erstes an die Opfer des grauenhaften Amstettner Verbrechens heranzukommen. Fotos zu zeigen. O-Töne zu bringen. Man könnte sich als Pfarrer verkleiden, als Nonne, als Ärztin, als Reinigungs- oder Sicherheitspersonal, um sich Zugang zu den Räumen zu verschaffen, in denen diese arme Frau und diese armen Kinder gerade betreut werden. Es wird versucht werden. Als Realist ist man diesbezüglich frei von Illusionen.
Es ist logisch, es ist richtig, dass  über ein derart schockierendes Verbrechens ausführlich berichtet wird. Dagegen ist nichts einzuwenden: Die Leute wollen und sollen wissen, was da passiert ist. Und wie so etwas geschehen konnte: Dieses Wissen schafft  ein Stück Basis dafür, dass etwas derartiges hoffentlich nicht wieder vorkommt (wenngleich man es nicht ganz verhindern kann). Aber wenn Medien vorsätzlich und, wie bei Kampusch, auf  Grundlage weiterer Verbrechen das Recht auf Privatsphäre der Opfer verletzen, gehen sie entschieden zu weit.
Es gilt: Alles, was die Opfer von sich aus über sich preisgeben wollen, ist in Ordnung. Alles, was  gegen ihren Willen veröffentlicht wird, alles was sie bloßstellt und ihnen weiteren Schaden zufügt, ist inakzeptabel. Das gilt auch für die Konsumenten: Wir sind alle neugierig, ja. Aber die Opfer gehören respektiert.
29.04.08

Das Unmögliche möglich machen

| 04/08

Ein Achtjähriger wurde vergangene Woche von der Straßenbahn 31 mitgeschleift. Er hatte, weil er auf seine gestürzte Mutter wartete, den Fuß in die Tür gestellt und war eingeklemmt worden. Das ist, wie uns Verantwortliche der Wiener Linien periodisch versichern, vollkommen unmöglich und kommt, wie uns die Realität regelmäßig vorführt, trotzdem vor.
Wie derartige technische Wunder möglich  werden, lässt sich in etwa erahnen, wenn man dem Bericht von Leserin Julia Z. lauscht. Die wollte letzten  Dienstag vormittag an der Station Stadthalle/Burggasse mit einer Gruppe die  U6 besteigen: fünf Personen und ein Sozialarbeiter, der einen Patienten im Rollstuhl schob. Der Zug fuhr ein, ziemlich voll, besonders im mittleren Bereich, und genau dort, wo die Gruppe einsteigen wollte, stieg eine ganze Schulklasse aus.
Während die das noch tat, sei schon die Bitte –  nein,  so Julia Z.,  der  Befehl –  „Einsteigen bitte!“ durch die Station gehallt, gefolgt von sich schließenden Türen. Zwei Schüler seien beinahe eingeklemmt worden: Beherzte Fahrgäste drückten die Tür wieder auf und winkten Richtung Fahrer, um ihm die Situation begreiflich zu machen. Der bellte erneut den Einstiegsbefehl, die Gruppe mit dem Rollstuhlfahrer winkte erneut, um zu signalisieren, dass noch nicht alle die Möglichkeit hatten, einzusteigen, die Tür schloss sich erneut und klemmte prompt den Rollstuhl ein. Der Sozialarbeiter sah sich gezwungen, die Tür aufzudrücken und zu blockieren, bis die ganze Gruppe zugestiegen war, worauf der Fahrer ohne eine weitere „Zug fährt ab“-Warnung die Türen schloss und abfuhr.
Aber rein theoretisch ist es technisch völlig unmöglich, dass Fahrgäste mitgeschleift werden.
27.04.08

Gute Vibrationen

| 04/08 Kurier-Kolumne

Da. Da haben wir’s. Folgendes  Schreiben flatterte einem Anonymen EUROSkeptiker kürzlich in die unweit der geplanten Ring-Fanzone gelegene Anwaltskanzlei. „Sehr geehrter Dr. XY, die kommende Fußball-Europameisterschaft wird bestimmt ein spektakulärer Sportevent. Leider birgt ein solches Großereignis auch zahlreiche Risiken abseits der Sportstätten. Ausschreitungen und mutwillige Sachbeschädigungen sind nicht auszuschließen.“
Deswegen bietet der Absender, eine große österreichische Versicherung, Dr. XY eine Vandalismus-Zusatzversicherung für die Dauer der EURO an, „damit Sie den Zeitraum der Fußball-Europameisterschaft 2008 sorgenfrei genießen können“.
Da haben wir’s. Langsam machen sich die AEUS  wirklich Sorgen.  Das ist ja wie eine Beschwörung! Da muss ja etwas passieren, wenn die Ängste so erbarmungslos in die Bürger gestochen werden wie Nadeln in eine Voodoo-Puppe!
Natürlich ist es, alte AEUS-Rede, klug,  nicht nur mit dem Besten zu rechnen: Aber wollten wir nicht positiv denken? Immer stärker materialisiert sich die Notwendig, dass wir unbedingt massenhaft sehr sehr sehr positiv denken sollten: Damit wir bei der  EURO einen schönen Vorrat guter Vibrationen haben, mit denen wir das Land, die Stadt, besonders aber die Bereiche um die Fan-Zonen aufladen können.
Andererseits kann die Unterstützung von ein paar Tausend  Polizisten mit freundlicher, aber konsequenter Gesinnung nicht schaden.  Wir winken schon einmal ihren 850 deutschen Kollegen zu, die bei der EURO aushelfen werden. Wobei uns deren offenbare Notwendigkeit nicht wirklich beruhigt... Vielleicht doch die Versicherung? Da. Da haben wir’s.
25.04.08

Geilheit und Gier

| Comments (1) | 04/08 Kurier-Kolumne

Natascha Kampusch fragte in einem ORF-Interview selbst: Was hat der Medienkonsument davon, wenn er weiß, ob sie sexuell missbraucht wurde oder nicht? Nichts hat er davon,  aber: seine Neugier wird befriedigt.
Alle Medien leben von der Neugier ihrer Konsumenten. Ist ja per se nichts Negatives, die Neugier:  sie ist der Treibstoff für Wissenschaft und Forschung, sie macht die Menschen klüger. Aber manchmal kommt sie  als Voyeurismus daher, delektiert sich an der Bloßstellung und am Unglück anderer: der Homo Sapiens hat das in sich, und manche Medien profitieren gerne davon.
Aber es liegt in der Verantwortung jedes einzelnen Lesers (und: jedes einzelnen Inserenten) zu sagen: Nicht mit mir. Ich mache da nicht mit. Ich verzichte auf diese Neugier-Befriedigung. Ich will es nicht wissen (was nicht leicht ist, wenn einem die geilen Neuigkeiten auch noch gratis aufgedrängt werden). Ich will nicht, dass Natascha Kampusch noch mehr angetan wird.
Denn Kampusch hat, nach allem, was sie erleiden musste, die Solidarität der Gesellschaft  verdient: Und sie hat ein Recht auf den Schutz ihrer Privatsphäre, wie jeder andere auch, so ungewöhnlich die ihre auch gewesen sein mag. Dieses Recht wurde ihr aberkennt: von denen, die gewissenlos ihre Akten weitergaben,  von skrupellosen Medien, von ihren Konsumenten.
Natascha Kampusch wurde Opfer eines grausamen Verbrechens: Nun zeigt sich, dass viele Leute  keine Hemmungen haben, ihr weitere Grausamkeiten anzutun. Brutal gesagt sind diese Leute – denn die Motive gleichen sich – nicht viel besser als Wolfgang Priklopil: Kampusch wird erneut zum Opfer von Geilheit und Gier. Wir sollten das nicht tolerieren.

24.04.08

Überwachungsrahmenhandlung

| 04/08 Kurier-Kolumne

Der W., ein Kollege von einer anderen Zeitung, verspürte kürzlich den Wunsch, ein Bild schön zu rahmen. Dieses Ziel vor Augen betrat er eine Rahmen-Handlung mit gutem Namen im 11. Bezirk, fand eine geeignete Bild-Umfassung, eilte damit zur Kassa, und wurde dort nicht um Geld, sondern  erst um Registrierung seiner Daten gebeten. Der W. beäugte den Rahmen und konnte daran nichts Melde- oder Waffenscheinpflichtiges entdecken. Deshalb begehrte er den Grund für die Notwendigkeit einer Datenerfassung zu erfahren und erhielt sogleich die in Wien nicht unübliche Auskunft: Das sei eben so.
Der W. meinte, er wolle ja nur diesen Bilderrahmen erwerben. Der Kassa-Herr meinte, der Geschäftsführer meine aber, das müsse sein, worauf der Kollege zur Sachverhaltsklärung den Geschäftsführer zu sprechen wünschte. Alsbald bekam W. den Herrn ans Telefon und von diesem die Erläuterung, das stünde so in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen.
Worauf W. seiner Meinung Ausdruck verlieh, dass es sich hierbei um eigentümliche, um nicht zu sagen: sittenwidrige Geschäftsbedingungen handle, denn es sei ihm neu, dass man persönliche Daten bekannt geben muss, wenn man etwas kaufen will. Diesen sturen Standpunkt wollte der Geschäftsführer partout nicht verstehen, entweder wolle W. nun etwas kaufen oder nicht, worauf W. entschied: nicht.
Jetzt fragt sich W., ob er künftig, z.B. an Würstelständen und in öffentlichen Toiletten, nicht nur ungefragt von Kameras gefilmt wird, sondern bald  auch seine persönlichen Daten registrieren lassen muss, um eine Debreziner-Erwerbs- oder Latrinenbenützungsberechtigung zu erlangen. Hell strahlt die Zukunft; gläsern und blitzblank poliert.
23.04.08

Den alten Göppel klaut keiner

| 04/08 Kurier-Kolumne

Die Erwachsenen hätten sich ja am Rathausplatz ja lieber länger die Fahrräder angesehen, die günstigen gebrauchten am Flohmarkt, die fantastischen Unleistbaren der Sammlung Embacher, und was da sonst noch interessantes Zweirädriges herumstand.
Aber das Kindsvolk drängte zu den  riesigen Sandhaufen und den offenbar ohne Eier geborenen jungen Männern, die daran abenteuerlichste Sprünge  vorzeigten. („Das war gerade ein Backflip“, informieren die Kinder.) Oder sie wollten auf dieser buckeligen Sandbahn  im Kreis fahren. Oder sie wollen Würstel.  Oder sie wollen dem lustigen Mann mit dem Einrad zusehen. Die Kinder lieben das Bike Festival am Rathausplatz, und es drängten sich heuer derartigen Massen, dass man sie keinen Moment aus den Augen lassen konnte.
Gut, man hat eh schon drei Räder. Das alte Mountainbike, mit dem man fast 15 Jahre lang durch die Stadt geritten ist, steht im Keller. Das neue,  teure,  City-Rad glänzt im Schlafzimmer, seit es Diebe einmal komplett von seinen edlen Komponenten befreit haben: Was man nicht erneut riskieren will, aber täglich treppauf und -ab tragen will man es auch nicht.
Stattdessen beradelt man die paar Kilometer zwischen Arbeit und Zuhause jetzt mit dem alten Rad der Mutter (dank Vater noch prima in Schuss) und stellt fest, dass es gegenüber dem schicken neuen enorme Vorteile hat: Man steigt ohne Stange leicht auf, ein Korb sieht darauf nicht blöd aus,  erleichtert das Einkaufen  aber ebenso wie der Ständer und das simple Schloss, das für die paar Minuten völlig reicht: Den schiarchen Göppel  klaut eh keiner. Kann man empfehlen, wie das Radfahren  überhaupt; aber das wird jetzt eh der große Trend.
23.04.08

Kampf der Geschlechter

| 04/08 Falter-Kolumne

Dennoch: Wenn ich mir in diesen Tagen etwas Teures zum Anziehen kaufe, ist es eher  von Jack Wolfskin als von Marc Jacobs. Obwohl mich Wolfskin ein wenig enttäuscht hat, er konnte die bestellte Superduperfunktionsjacke nicht liefern. (Der Wunsch nach einer Funktionsjacke entstand, als wir unlängst in Horwaths Wald einen Baum zersägten und aufstapelten, und jetzt krieg ich die Harzflecken nicht mehr aus meinem Donna-Karen-Mantel.) Jedenfalls nicht wie gewünscht, denn ich wollte die Funktionsjacke in Schwarz. Also, die Erhältlichkeit in Schwarz war überhaupt der Grund, warum ich mich gerade für dieses spezielle Superduperjacke entschieden habe, denn es gibt, finde ich, keinen Grund warum man auf Wald und Wiese Zechenkasbraun oder Alle-um-mich-sollen-erblinden-Farben tragen soll. Ich finde außerdem, schwarz kleidet mich und geht immer. Der Lange findet, schwarz macht mich blaß und alt. Ich finde, Schwarz kleidet alle Frauen. Es sollten viel mehr Frauen schwarz tragen. Mädchen auch.
  Apropos Mädchen: man wird oft beneidet, wenn man Mädchen hat, und zwar mit Recht. (Was sich radikal ändert, wenn sie 12 werden; bis wohin ich jede Minute engagiert ... weiter lesen ...
22.04.08

Viel zu viel Sitzfleisch

| 04/08 Kurier-Kolumne

Wieder eine aktuelle Studie über den gesundheitlichen Zustand österreichischer Kinder und Jugendlicher, mit weiterhin alarmierendem Ergebnis, die wieder nichts bewirken wird. Diesmal das internationale „Health Behaviour in School-aged Children“-Projekt und seine Ergebnisse für Österreich, die da wären: Weniger als 50 Prozent der österreichischen Schüler fühlt sich gesund. Die Elf- bis 15jährigen verbringen zu viel Zeit vor Fernseh- und Computerschirmen (nämlich bis zu 3,3 Stunden täglich) und machen zu wenig Bewegung, bla bla bla bla bla, nichts Neues. Die Gesundheitsministerin sagt dazu... nein, eigentlich egal, was sie dazu sagt, denn dass unsere Kinder fett und faul und ungesund sind, liegt absolut nicht in ihrer Schuld. Es ist auch nicht die Schuld der Lehrer. Es ist die Schuld der Eltern und die Schuld der Gesellschaft, die es nicht viel stärker ächtet, dass Kinder Tag für Tag stundenlang vor Bildschirmen parkiert werden, wo sie Programme sehen und Spiele spielen, die ihnen nichts bringen, außer galoppierende Verdummung und  immer mehr Sitzfleisch.
Es wird, wenn uns unsere Heranwachsenden etwas bedeuten, wenn wir wollen, dass sie zu fitten Erwachsenen werden, kein Weg an der sozialen Ächtung des Fernsehens und Computerspielens   von Kindern vorbeiführen. Ein befreundeter Vater, der demnächst sein zweites Kind erwartet, sagte kürzlich: „Ich habe meinen ersten Sohn aus Nachlässigkeit ans Fernsehen und an den Computer verloren; bei meinem zweiten werde ich das mit aller Kraft verhindern.“ Er sollte damit nicht allein bleiben. Wir müssen die Kinder von den Bildschirmen losketten: Sonst verlieren wir sie.
20.04.08

Wird scho wern!

| 04/08 Kurier-Kolumne

Die Anonymen EUROskeptiker  (AEUS) sind ein wenig irritiert ob der Präzision, mit der ihre Bedenken sich zu Fakten materialisieren.  Kein Wunder, dass  die AEUS zwischenzeitlich relativ viel Bevölkerung repräsentieren, wo sie noch vor Wochen als muffelige Querulanten diffamiert wurden.
Zum Beispiel scheiterte nun der Plan, auch auf der Donauinsel, dem praktisch einzig dafür geeigneten Areal, eine Fan-Zone für täglich 50.000 oder mehr EURO-Fans einzurichten. Fix war das genau   siebeneinhalb Wochen vor  dem EURO-Start. Ich weiß von Kindergeburtstagen, die langfristiger und umsichtiger geplant wurden, erwarteter Besucheransturm:  20 oder 25 Siebenjährige.
Aber natürlich: Wie hätte man sich früher um Detailfragen wie Fan-Bereiche kümmern sollen, das internationale Großereignis EURO kam ja völlig überraschend über uns. Wir wissen ja gerade mal seit Dezember 2002 davon. Wie soll man sich in so kurzer Zeit um alles kümmern, da kann es schon passieren, dass man die diese oder jene Kleinigkeit übersieht. Etwa dass die einen oder anderen Hunderttausend die Spiele nicht im Stadion oder zuhause, sondern in Fan-Arealen sehen wollen. Und dass sich die Fan-Zone am Ring  zwar für  ein paar Tausend Opernfilm-Fans  eignet, für  X mal so viele bieraffine Fußball-Fans aber  nur suboptimale  Voraussetzungen mitbringt,  den Verkehr behindert, Öffis lahmlegt, die Innenstadt abschneidet,  usw.
Aber erstens: wir haben noch volle sieben Wochen. Zweitens:  Es sind nicht einmal alle Hotels ausgebucht, vielleicht kommen gar nicht so viele. Drittens: das ist ja kein Kindergeburtstag, sondern nur eine EURO. Und viertens sind wir in Wien; des wird scho wern; irgendwie.

18.04.08

Böse, alte Hexe

| Comments (1) | 04/08 Falter-Kolumne

Man sollte viel mehr ans Altwerden denken. Wenn sich die Jungen öfter das Altsein vorstellen würden, hätten nicht so viele Alte so ein Scheißleben in Pflegeheimen, wo nachmittags um sechs die Rollos dichtgemacht werden, damit man um sieben nicht mehr so viel teures Personal braucht. Das nur, weil sich Sedlacek darüber verwundert zeigte, dass ich eine relativ klare Vorstellung davon habe, wie ich meinen Lebensabend zu gestalten trachte, nämlich als schrullige Hexe mit ein paar dreckigen Hennen in einem schiefen Haus in einem weltvergessenen Kuhkaff. Wenn ich mit den schrulligen alten Horwaths die im selben Kuhkaff von der selben moldawischen Pflegerin betreut werden, nicht gerade übers Kreuz bin, werden wir uns am Küchentisch darüber beklagen, dass uns unsere Enkel nie besuchen kommen und darüber, dass wir schon wieder eine neue moldawische Pflegerin finden müssen, weil die aktuelle das Kuhkaff und uns schon wieder keinen Tag länger erträgt. Sedlacek sagt, ich spinne.
  Aber vielleicht blicke ich dem Alter deshalb derzeit offenenSinns entgegen, weil es mir gerade noch gelungen ist, meine galloppierende Frühvergreisung abzustoppen. Meine Freundinnen haben sich schon Sorgen gemacht, aber seit ich mal wieder in die Prä-Mimi-Jeans passe (voraussichtlich übernächste Woche werde ich damit auch sitzen können) und Sätze mit den Worten „Wie ich unlängst im Flex-Café aufgelegt habe“ (alternativ: „im rhiz“) beginnen kann, hat sich mein Zustand spürbar gebessert. Es hat sich auch herausgestellt, dass es beim Auflegen kein Schad ist, wenn man bissi älter ist als sein Publikum, weil es auch vor zwanzig Jahren schon ziemlich gute und immer noch funktionelle Musik über 130 bpm gab, ich sage nur Gun Club oder The Fall. By the way, Mark E. Smith, die böse Hexe: ein super Role-Model für nicht umweltschonende Altersverschrullung auf hohem Niveau. Sehr inspirierend in dieser Hinsicht auch das erste Kapitel von Rick Moody´s „Omega Force“ in seinem Novellen-Band „Paranoia“, während man sich die durchgebrunzten Windeln, die Nathan Zuckerman in Roths neuem Roman trägt, noch nicht unbedingt an den eigenen Hintern imaginieren möchte. Und sowas will man ebenfalls vorläufig nicht wahrhaben: So sehr spinne ich jetzt auch wieder nicht.
17.04.08

Wie sieht das denn aus?

| 04/08 Kurier-Kolumne

Dinge, die einst als un- oder widernatürlich galten: Die Eisenbahn. Das Frauenwahlrecht. Babywickelnde Väter. Kabelloses Telefonieren. Haarefärben. Invitro-Fertilisation. Schönheitsoperationen. Homosexualität. Eingetragene Partnerschaften für gleichgeschlechtliche Paare.
Aktueller Wiglwogl, vor allem innerhalb der ÖVP: schwule und  lesbische Paare am Standesamt – widernatürlich oder Gewohnheitssache?
 Fragen wir so: Was haben wir zu befürchten? Welche unserer Werte  werden davon bedroht, dass sich zwei Menschen in einer feierlichen Zeremonie am Standesamt Liebe, Treue und gegenseitige Verantwortlichkeit versprechen? Auch innerhalb der ÖVP setzt sich allmählich die Einsicht durch, dass der Staat sich lächerlich macht, wenn er liebenden, zur Legalisierung ihrer Partnerschaft entschlossenen Paaren das Standesamt versperrt, nur weil diese Paare gleichen Geschlechts sind. Mehr als das: Es wäre eine vorsätzliche Diskriminierung von Homosexuellen, also eine Verletzung von Gleichheitsgrundsätzen, also Unrecht. Also auf Dauer nicht haltbar.
Klar: Es war  für die ÖVP ein großer, schwieriger Schritt, sich überhaupt auf eine Anerkennung der Homosexuellen-Ehe einzulassen. Man hat diesen Schritt mutig gewagt, droht sich jetzt aber mittendrin zu verkrampfen: Ein Fuß ist schon nach vorne gesetzt,  während der andere hinten stur in  gewohnter Position  verharrt. Wie sieht  das denn aus. So sieht das aus: Wir machen es, wollen es aber nur bedingt, deshalb machen wir es nur halb.
Da hilft nur eins: Locker machen. Durchatmen. Krampf lösen. Den ganzen Schritt tun. Denn man wird sich daran gewöhnen, garantiert.

16.04.08

Aber gehen können wir

| 04/08 Kurier-Kolumne

Die Vorarlberger haben die Wiener beim Radfahren degradiert, aber so:  431 Kilometer radelte der durchschnittliche Xiberger  letztes Jahr im  Alltag weg, 126 Kilometer der Wiener. Dass viele Wiener  sich scheuen, das Rad zu benutzen, ist sogar nachvollziehbar: Der Stopp- and Go-Verkehr, die vielen Einbahnen, das unvollständige Radwegsystem, die gefährlichen Straßenbahnschienen.
Dass aber auch die Burgenländer im ganzen Jahr gerade einmal 158 Kilometer pro Kopf geschafft haben, ist, Verzeihung, beschämend und lässt sich auch nicht durch den Hinweis beschönigen, es sei halt nicht das ganze Burgenland platt wie ein Butterbrot: Vorarlberg ist das bekanntlich an keiner Stelle, und auch in Wien liegt der 7. Bezirk praktisch  im Hochgebirge; der Wienerwald sowieso.
Überhaupt bin ich heute geneigt, die Wiener in  Schutz zu nehmen: Denn ich würde wetten, dass sie bei den per Pedes zurückgelegten Alltagskilometern die Vorarlberger haushoch schlagen, was heißt! Alle Bundesländer vermutlich. Denn während auf dem Land die Angewohnheit beliebt ist, vor der eigenen Garage ins Auto zu springen und ihm erst am Parkplatz vor dem Arbeitsplatz, dem Supermarkt,  dem Wirtshaus wieder zu entsteigen, nutzen die Wiener in großer Zahl öffentliche Verkehrsmittel. Die halten bekanntlich selten direkt vor dem Wohnhaus oder  dem Zielort. Bedeutet: tägliche kleine, aber gesunde Fußmärsche, die auch seit jeher dafür sorgen, dass  die New Yorker  die schlanksten Amerikaner sind.
Gemeinsam haben die Wiener übrigens insgesamt 211.680000 Kilometer wegpedalt: davon können die Xiberger nur träumen. Von den Burgenländern reden wir gar nicht.
13.04.08

Ruhe, bitte!

| 04/08 Kurier-Kolumne

Die LiLäLa will in die Verlängerung. Überhaupt, es ist schon ziemlich lange her, seit wir den letzten Eintrag in die Liste Lässlicher Laster vorgenommen haben, das war, das war,  was war das nochmal? Richtig,  die herr-liche Angewohnheit, Bedürfnisanstalten noch mit der Hand am Hosentürl zu verlassen. (War aber ein Missverständnis.) Egal, wir fügen den bisherigen Lastern eine weiteres hinzu, diesmal: Hupen in der Stadt.
Was ja, wie hübsch mit roten Rändern verzierte  Schilder an den Einzugsstraßen signalisieren, in ganz Wien verboten ist, was wiederum die Wiener überaus virtuos zu ignorieren wissen. 
Mich stört das Gehupe ja nicht so, mein Stadtlärmzuträglichkeitsquotient ist relativ hoch. Jener der Kollegin B. weniger, was ursächlich damit zusammenhängt, dass sie kürzlich ein Kindelein geboren hat, welches auch während der Hauptverkehrszeiten das eine oder andere Stünderl schlafen sollte. Wer je einen greinenden Säugling stundenlang durch eine Wohnung getragen hat, weiß, wozu man fähig sein kann, wenn das endlich frisch entschlafene Putzi durch akustische Außeneinwirkung wieder erweckt wird. Im Zuge einer derartigen Wachmachung entsann sich  Kollegin B. des innerstädtischen Hupverbots und muss nun auf diszipliniertester Einhaltung desselben beharren. Ruhe!
Aber  auch ich wurde unlängst  aus verdientem sonntagvormittäglichem Gedöse gerissen, und zwar von durchdringendem Polizei-Folgetonhorn. Gut, ein Einsatz.  Der Lokalaugenschein allerdings ergab, dass auf der stillen Straße kein anderes Fahrzeug, ja weit und breit kein menschliches Wesen im Wege stand. Aber wenn die Polizei arbeiten muss, sollen das ruhig alle wissen.
13.04.08

Kommt ganz darauf an

| 04/08 Kurier-Kolumne

Ein letzter Platz kann bitte auch etwas Positives sein. Es kommt ganz auf die  Rangliste an: Im Vergleich der (jetzt nur z.B.) effizientesten Autounfallversacher belegt man mit Handkuss den letzten Platz, gleichfalls  in der Liste der Länder mit dem höchsten Psychopharmaka-Pro-Kopf-Verbrauch.
Anders verhält es sich mit dem  Ergebnis einer  IHS-Analylse, die zeigt, dass in Österreich die  Kosten des Rauchens den Nutzen um jährlich 430 Millionen Euro übersteigen.  Das heißt: EU-weit letzter Platz  beim Nichtraucherschutz. Die Österreicher haben nämlich nach wie vor so überhaupt keine Lust, von sich aus etwas  gegen das Rauchen zu unternehmen. Sondern setzen immer erst auf Druck der EU sehr widerwillig Maßnahmen, die man, jetzt rein aus der Schutz-Perspektive, nur mit doppeltem Fingerverkreuzen vorbildlich nennen kann.
Wie sagte „Miss Neustart“ (© Österreich) Andrea Kdolsky erst kürzlich  in Österreich: „Prinzipiell ist in jedem Lokal in Raucher- und Nichtraucherbereich zu trennen, außer dort, wo man aus baupolizeilichen Gründen nicht trennen kann – und dort soll dann die Wahlfreiheit herrschen.“ Ein klareres Bekenntnis zum Nichtraucherschutz kann man sich von einer Gesundheitsministerin nicht wünschen.
In diesen Kontext bettet sich schön und weich das erwähnte Studien-Ergebnis. Denn unabhängig von dem Gefeilsche um einzelne rauchfreie Quadratmeter ist die hartnäckige Wurschtigkeit, mit der das Thema hierzulande kleingestreichelt wird, international relativ einzigartig. Aber bitte: Dafür machen wir jetzt einen EUnzigartigen Vorstoß bei handyfreien Öffis. Beim Nichttelefoniererschutz streben wir nämlich Platz eins an.
11.04.08

HÖRSTUMICH?!?

| 04/08 Kurier-Kolumne

Die Oma hat immer gesagt, dass es gar nicht möglich ist, dass Flugzeuge fliegen können, weil sie schwerer sind als Luft: Da, schau, die Zeitschrift fliegt auch nicht.  Die Oma hat gesagt, sie bleibt lieber am Boden. Aber jetzt hat die Oma hat bei einem Preisausschreiben einen Flug gewonnen, und ist, entgegen ihrer Lebensplanung, zum ersten Mal geflogen. Sie war  ja auf einen ganz anderen Preis aus: aber eine  wie die Oma lehnt nichts  ab, was sie gratis kriegt. (Außer natürlich, sie kriegt‘s von mir).
Als ich sie am Flughafen abhole, sagt die Oma, nein, gefürchtet hat sie sich eigentlich nicht, nur beim Landen sei ihr fast schlecht geworden: eine Gewohnheit werde die Fliegerei gewiss nicht.
Weil die Oma auf anderes konzentriert war – die schöne  Landschaft unter ihr, die beunruhigende Tatsache, von nichts als Luft umgeben zu sein – wäre es ihr wahrscheinlich egal gewesen, wenn neben und hinter und vor ihr wer ins Handy gesprochen hätte. Die Oma selbst hätte, selbst wenn es schon wieder erlaubt gewesen wäre, nie im Leben telefoniert. Sie telefoniert auch nicht im Zug oder auf der Straße oder im Geschäft. Sie will niemanden mit ihren Privatgesprächen stören; das ist ein schöner,  wenngleich für ihre Familie mitunter schwieriger Zug an der Oma. (Hast du die Oma angerufen? Ich versuch’s seit Tagen: erwische sie nie.)
Das Flugzeug war fast das letzte Testlabor,  in dem der Beweis erbracht werden konnte, dass es Menschen möglich ist, mehrere Stunden ohne Handy zu überleben. Dass dieses Leo völliger Klingelton- und HÖRSTUMICH?!?-Freiheit  nun  abgeschafft werden und das Benutzen von Handys in Fliegern bald wieder erlaubt sein soll, ist schade. Der Oma aber egal: und zurück fährt sie  eh mit dem Zug.
10.04.08

Großer, kleiner Preis

| 04/08 Kurier-Kolumne

Erst vor ein paar Tagen habe ich wieder einmal Martin Scorseses Bob-Dylan-Film „No Direction Home“ aus 2005 angeschaut: eine dreieinhalbstündige Monumentalbiografie, zusammengesetzt aus  Dokumentar-Material, Erinnerungen von Freunden und Zeitgenossen, Konzertmitschnitten, Fotos. Aber trotz der Stofffülle, und obwohl Scorsese Dylan ein selten ausführliches Interview abrang, kann der Film nicht die Frage  beantworten, wer Dylan ist: Wo dieser Bub Anfang 20  dieses Ausmaß an Erkenntnis über das Leben,  die Welt und die Menschen hernahm, wie er mit seinem Hinterwälder-Hintergrund und den in New York aufgesaugten literarischen, musikalischen und politischen  Versatzstücke zu derartiger Weisheit und zu dieser unpackbaren lyrischen Kompetenz finden konnte. Man kommt, etwa wenn man ihn 1963 in Greenwood, Mississippi nach der Ermordung des Bürgerrechtsaktivisten Medgar Evers „Only a Pawn in Their Game“ singen sieht, kaum umhin, in diesem 22jährigen etwas Übermenschliches, annähernd Göttliches zu konstatieren: und dass hier der Tatbestand der Begnadetheit vorliegt, Dylan  damals jener Messias auf eine Weise tatsächlich irgendwie war, den die amerikanische Bürgerrechtsbewegung in ihm sehen wollte. (Er wies das entschieden  von sich und floh für Jahre die Öffentlichkeit und ihre Erwartungen.)
In  diesem Kontext mutet es merkwürdig, beinah anmaßend an, wenn  Dylan nun der Pulitzerpreis für seine Lyrik zugesprochen wurde: Diese sonst so maßgebliche Auszeichnung erscheint fast lächerlich angesichts der Größe des Geehrten. Trotzdem: große Freude. Wir mögen nicht wissen, warum er ist, wer   er ist: Aber dass und wie wunderbar er es ist, kann nicht genug gewürdigt werden.
10.04.08

Fußballexpertinnen, sonderzahl

| 04/08 Kurier-Kolumne

Wollen wir noch einmal im Themenkreis „Frauen und Fußball“ herumtrampeln. Denn meine erneute Provokation hat nun doch zahlreiche Leserinnen zu einem Bekenntnis zum Runden veranlasst,  während mir mehrere stolze Leser  ihre Frauen, Töchter und Mütter als Fußballexpertinnen anempfahlen. Hurra!  Oskar T. etwa schreibt, aha, wieder einmal eine Ihrer typisch stereotypen EURO-Kolumnen, und er wolle bitte anmerken, dass „sich in meinem Freundschafts- und Bekanntenkreis zahllose (in diesem Sinne von sehr viele) Frauen befinden, die sich mit diesem Sport und seinen Begleiterscheinungen beschäftigen.“ Wahrscheinlich seien „diese Frauen und ich in dem von Ihnen gezimmerten Fußballweltbild jetzt nur die Ausnahme, die die Regel bestätigt, aber das ist ja vielleicht auch etwas wert.“
Jaaa! Ist ja gut! Ich erkenne meinen Irrtum! Plus, ich bin ja selbst mit einer Kindergärtlerin verwandt, die fraglos dereinst im Mädchen-U21-Team von Bayern-München oder so spielen wird. (Haben die Rapid oder die Austria eins? Eben. Also bitte diesmal keine zornigen, regionalpatriotischen Anwürfe, so wie unlängst, als ich das  über die Maßen entsetzliche und unter unvorstellbaren Strafen verbotene Wort Stuhl verwendet habe: Ja, vierteilt mich! Trotzdem, werter Leser Christian B., es lebt nun einmal nicht jeder Österreicher in Gegenden, in denen einem ausschließlich Sessel angeboten werden: Mancherorts sitzt man auch auf Stial und uf Stüüal.)
Aber es gibt immerhin, worüber mich Leser Walter L. zum Zwecke der Zurechtrückung meiner Wadln informiert, eine Jugendtrainerausbildung, die seine Tochter, ein glühender Rapid-Fan, eben abgeschlossen habe: Na bitte, geht doch, wird doch.

9.04.08

Das kam nicht gut an

| 04/08 Falter-Kolumne

Das ist eine glückliche Familie auf Fahrrädern, Vater, Mutter, Kleinkind, sie strahlen, das Kind winkt, sie lachen, und das sehe ich alles nicht. Ich sehe: Das Kind trägt keinen Helm, und ich will rufen: Verantwortungslos! Total verantwortungslos! Aber ich habe das mal bei den Finks gemacht, als sie das Kind für eine Strecke von 200 Metern oder so nicht angeschnallt haben, und das kam nicht gut an. Auch Vater Breuß verdreht periodisch die Augen, er sagt, ich muss mehr Vertrauen zu meinen Kindern haben, weil ich tendenziell hysterisch werde, wenn die Kinder am Rande eines 100-Meter-Abgrunds Fangerl spielen. Der Breuß sagt, ich übertrage meine eigenen Ängste auf meine Kinder, und das kann schon sein, aber erklär das mal einer, die mit fünf von einem Auto überfahren wurde und vier Wochen im Spital liegen musste, Elternbesuchszeit zwei Stunden pro Woche. Das hat relativ hohes Angstübertragungspotential, was soll ich machen.
   Vielleicht hat auch mein Herumgeeiere mit der Schule der Mimis mit alten Traumata ... weiter lesen ...
8.04.08

Post ins Jenseits

| 04/08 Kurier-Kolumne

Im Jahr 1999 starb Frau G.s Ehemann, ein  Anwalt, und sie, als Gattin und Mitarbeiterin seiner Kanzlei, füllte mit dem Umschreiben lassen und Kündigen von Verträgen  zwei Korrespondenzordner. Hartnäckige Fälle retournierte sie mit dem Vermerk „Adressat verstorben“, aber auch nach Jahren erhielt ihr toter Mann immer noch mehr Post als Frau G. selbst. Unter anderem eine folgendermaßen adressierte Einladung:
Herrn Dr. M. G.
Rechtsanwalt
Verstorben
Dingsgasse 10
 1040 Wien
Im Schreiben selbst wurde die Freude über das mögliche Erscheinen von Dr. G. zu einem Vortrag zum Ausdruck gebracht. Frau G. rief daraufhin erzürnt beim Absender an, der ihr mitteilte, der Computer erkenne den Zusatz „Verstorben“ eben nicht und verschicke deshalb weiterhin Post an den gespeicherten Adressaten.
Die Geschichte mailte mir Frau G. nach der Lektüre des hier geschilderten Ärgers, den der Kabarettist Werner Schneyder mit der GIS hatte: die schickte auch nach fast vier Jahren noch Post an seine verstorbene Frau, was Schneyder telefonisch  ändern wollte, was misslang. Die Geschäftsführung der GIS hat sich mittlerweile bei Schneyder höflich entschuldigt, und betont, dass eine telefonische Änderung sehr wohl möglich sei.
Diesen Eindruck hatte der Schneyder aber nicht; ebenso wenig wie Herr K.: Von dessen Mutter wurde vor eineinhalb Jahren eine Sterbeurkunde des Vaters verlangt, ebenso 2003  von Frau Sch. nach dem Ableben ihres Gatten. Frau B. wiederum berichtet, dass  seit  Jahren die Rundfunkgebühren vom Konto ihrer Mutter abgebucht werden. Vor zwei Wochen bekam aber auch ihr Vater wieder einmal Post von der  GIS. Leider  ist seit 28 Jahren tot.
 
6.04.08

Wie man Frauen an den Ball bringt

| Comments (1) | 04/08 Kurier-Kolumne

Die Einsprüche auf meine Bemerkuung, dass sich keine meiner Freundinnen nennenswert  für Fußball interessiere, ja, ich kaum Frauen kenne, die das tun, waren zahllos. Zahl-los, im Sinne von: keiner Zahl. Außer Null.
Was, wenn ich das wieder einmal empirisch auf die Gesamtbevölkerung umlege, ein Grund dafür sein dürfte, warum  sich augenblicklich zahlreiche Intitiativen bemühen, das Interesse der Frauen am Fußball zu wecken oder durch dass Schaffen von frauenfußballverknüpfenden Tatsachen herzustellen: Ein hartnäckiger und verständlicher Versuch, den Eindruck zu vermeiden, man veranstalte die EURO 08 samt ihren dem normalen Alltagsleben nicht ausschließlich zuträglichen Nebenwirkungen nur für einen männlichen Teil  Bevölkerung. Und so blinkt meine Mailbox periodisch auf, weil wieder Elektropost einschlägigen Inhalts in meinem Postfach eingetroffen ist; zuletzt vom „Gender Research Office“ der Uni Wien, zu einer Veranstaltung über „Geschlechterkonstruktionen im Fußball“. Eh gut.
Und halt: eine Frau, die sich ernsthaft für Fußball interessiert, kenne ich: Uschi Korda, Chefredakteurin des Fußballmagazins Goal. In dieser Funktion hat sich Korda um eine der raren Akkreditierungen für die EM-Matches der UEFA beworben – so wie ihre drei männlichen Kollegen auch. Und, hallo, es kamen tatsächlich Zusagen, aber nicht für die Frau Chefredakteurin, sondern für ihren Co-Chefredakteur und den Auszubildenden; Einspruch ausgeschlossen.
Aber das liegt ganz gewiss nicht daran, dass die Frau eine Frau ist:  Uschi kann doch bitte auch ein Mann sein, oder? Also ich habe männliche Freunde, die Uschi heißen: zahl-lose.

4.04.08

Das beweisen Sie erst einmal

| 04/08 Kurier-Kolumne

Die GIS schickt eine Information über die Anpassung der Rundfunkgebühren, adressiert an Ilse Schneyder: Das tut Werner Schneyder, der das aus dem Postfach nimmt, weh, denn seine Frau Ilse ist vor dreieinhalb Jahren verstorben. Also ruft der Kabarettist und Club-2-Moderator bei der GIS an und sagt: „Machen‘s mir eine Freude, für mich ist das jedes Mal so schmerzlich, wenn ein Brief an meine Frau kommt, denn meine Frau ist vor bald vier Jahren verstorben: Schreibens Sie das doch bitte einfach auf meinen Namen um.“
Worauf der Herr von der GIS sagt, na, na, so leicht geht das aber nicht. Da müsse Schneyder schon einen Brief schreiben, in dem er das Ableben von Frau Schneyder beweist.
So in der Art: Da könnte ja jeder anrufen und sagen, er ist tot, und sich so um die Rundfunkgebühren drücken. Werner Schneyder versucht es mit dem durchaus betörenden Argument, dass er die Gebühren ja aber auch nach dem Tod seiner Frau immer ordentlich bezahlt, und dass er nur will, dass das auf ihn umgeschrieben wird. Aber nix. Der GIS-Mann sagt,  ein Beweis muss her, und das – dass sein Schmerz über den  Verlust seiner Frau von diesem Mann mit derart bürokratischer Kälte abgefertigt wird – verletzt Schneyder so, dass er  dann einfach auflegt.
Er hat nach dem Tod seiner Frau alles mögliche ändern müssen, und überall, wo er anrief, um die traurige Nachricht bekannt zu geben, wurde ihm kondoliert und gemeinsame Agenden unkompliziert geändert.  Bei der GIS nicht. 
Werner Schneyder hätte eins tun können: Den Brief der GIS an seine Frau aus dem Postfach nehmen, den Schmerz verbeißen und ihn ungeöffnet zurückschicken, mit dem Vermerk Adressatin verstorben. Nächstes Mal macht er das.

2.04.08

Höflich vor dem Tor

| 04/08 Kurier-Kolumne

Zum Schluss fielen die Schweizer dann nicht durch übertriebene Höflichkeit auf, sondern im Gegenteil: Am Flughafen zwangen sie mich, die Stiefel auszuziehen, ohne mir auch nur einen Stuhl dafür anzubieten. Aber Höflichkeit spielt am Security Check halt leider eine untergeordnete Rolle.
Wenn es nach den Schweizer Fussball-Trainerinnen Ruth W. (im Brotberuf Filmproduzentin), Niza W. (Schülerin) und Ewa H. (Kulturchefin) geht, spielt Höflichkeit dagegen eine viel zu große Rolle auf dem Platz der Schweizer Fußballnazi. (Nazi, geschrieben Nati: So nennen die kollektiv zu Diminuitivzwängerlei neigenden Schweizer ohne Witz ihre Nationalmannschaft.  Ihren Stadtpräsidenten nennen die Zürcher Stapi. Meine Güte.)
Wo war ich ? Ach ja, in der Zürcher Pizzeria Strozzi im Seefeld, wo  die erwähnten Damen die letzte Niederlage der Schweizer Elf kommentierten, während sie ihre Pizze säbelten: Die habe doch wieder einmal suprrr gschpält, und sei nur wie immer vor dem Tor zum Haareraufen höflich vorgegangen: Bitte, du zu zuerst. Nein, du zuerst!
Das ist insofern bemerkenswert, als ich hier in Wien kaum Damen aus der Kreativwirtschaft kenne, mit denen ich mich beim Abendessen über Fussball  unterhalte: Nicht eine meiner Freundinnen interessiert sich nennenswert für Fussball.  Daraus leite ich jetzt  einmal empirisch ab, dass die Schweizer insgesamt über eine wesentlich höhere Fußballbegeisterung verfügen als wir Österreicher und daher  Achtung, bei der EUROphorie momentan die Nase vorn haben. Dafür sind, und ich hätte nicht gedacht, dass ich das einmal sagen würde, die Österreicher höflicher: Zumindest am Flughafen, denn in Wien durfte ich die Stiefel anbehalten.
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