18.04.08

Böse, alte Hexe

Doris Knecht | 04/08 | Beschwerden | Falter-Kolumne | Frauen / Männer | Freunde | Kinder und andere Mitbewohner | Kunst & Kultur

Man sollte viel mehr ans Altwerden denken. Wenn sich die Jungen öfter das Altsein vorstellen würden, hätten nicht so viele Alte so ein Scheißleben in Pflegeheimen, wo nachmittags um sechs die Rollos dichtgemacht werden, damit man um sieben nicht mehr so viel teures Personal braucht. Das nur, weil sich Sedlacek darüber verwundert zeigte, dass ich eine relativ klare Vorstellung davon habe, wie ich meinen Lebensabend zu gestalten trachte, nämlich als schrullige Hexe mit ein paar dreckigen Hennen in einem schiefen Haus in einem weltvergessenen Kuhkaff. Wenn ich mit den schrulligen alten Horwaths die im selben Kuhkaff von der selben moldawischen Pflegerin betreut werden, nicht gerade übers Kreuz bin, werden wir uns am Küchentisch darüber beklagen, dass uns unsere Enkel nie besuchen kommen und darüber, dass wir schon wieder eine neue moldawische Pflegerin finden müssen, weil die aktuelle das Kuhkaff und uns schon wieder keinen Tag länger erträgt. Sedlacek sagt, ich spinne.
  Aber vielleicht blicke ich dem Alter deshalb derzeit offenenSinns entgegen, weil es mir gerade noch gelungen ist, meine galloppierende Frühvergreisung abzustoppen. Meine Freundinnen haben sich schon Sorgen gemacht, aber seit ich mal wieder in die Prä-Mimi-Jeans passe (voraussichtlich übernächste Woche werde ich damit auch sitzen können) und Sätze mit den Worten „Wie ich unlängst im Flex-Café aufgelegt habe“ (alternativ: „im rhiz“) beginnen kann, hat sich mein Zustand spürbar gebessert. Es hat sich auch herausgestellt, dass es beim Auflegen kein Schad ist, wenn man bissi älter ist als sein Publikum, weil es auch vor zwanzig Jahren schon ziemlich gute und immer noch funktionelle Musik über 130 bpm gab, ich sage nur Gun Club oder The Fall. By the way, Mark E. Smith, die böse Hexe: ein super Role-Model für nicht umweltschonende Altersverschrullung auf hohem Niveau. Sehr inspirierend in dieser Hinsicht auch das erste Kapitel von Rick Moody´s „Omega Force“ in seinem Novellen-Band „Paranoia“, während man sich die durchgebrunzten Windeln, die Nathan Zuckerman in Roths neuem Roman trägt, noch nicht unbedingt an den eigenen Hintern imaginieren möchte. Und sowas will man ebenfalls vorläufig nicht wahrhaben: So sehr spinne ich jetzt auch wieder nicht.
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» 21.04.08 14:40

Also solche Gedanken hab ich mir auch schon gemacht! Sie spinnen definitiv nicht. Es wird wohl kein Kuhdorf sein, eher die Stadtrandsiedlung von 1927, wo ich jetzt schon sitze, aber wer weiß.
Danke für die Literaturtipps da oben!
Und, liebe junge Hexe (so sehr spinnen Sie schließlich auch noch nicht, außerdem bin i' so ungefähr gleich alter Hexer, weshalb mir die Anrede "oide Hex' sehr unangebracht scheint), vielen Dank für die Beantwortung sonstiger Fragen, Sie wissen schon...
Ich hoffe, ich finde die DJing-Termine nicht erst im Nachhinein.
Bleinben S' der Leserschaft, die Sie so schätzt wie ich noch a paar Jahre erhalten, bevor es ins Kuhdorf geht, ja!?
lg, hurtig

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