09.04.08

Das kam nicht gut an

Doris Knecht | 04/08 | Beschwerden | Falter-Kolumne | Kinder und andere Mitbewohner | Unter Spießern

Das ist eine glückliche Familie auf Fahrrädern, Vater, Mutter, Kleinkind, sie strahlen, das Kind winkt, sie lachen, und das sehe ich alles nicht. Ich sehe: Das Kind trägt keinen Helm, und ich will rufen: Verantwortungslos! Total verantwortungslos! Aber ich habe das mal bei den Finks gemacht, als sie das Kind für eine Strecke von 200 Metern oder so nicht angeschnallt haben, und das kam nicht gut an. Auch Vater Breuß verdreht periodisch die Augen, er sagt, ich muss mehr Vertrauen zu meinen Kindern haben, weil ich tendenziell hysterisch werde, wenn die Kinder am Rande eines 100-Meter-Abgrunds Fangerl spielen. Der Breuß sagt, ich übertrage meine eigenen Ängste auf meine Kinder, und das kann schon sein, aber erklär das mal einer, die mit fünf von einem Auto überfahren wurde und vier Wochen im Spital liegen musste, Elternbesuchszeit zwei Stunden pro Woche. Das hat relativ hohes Angstübertragungspotential, was soll ich machen.
   Vielleicht hat auch mein Herumgeeiere mit der Schule der Mimis mit alten Traumata zu tun. Aber, na: denn die Fremdenfeindlichkeitsvorwürfe, die wenig überraschend nach meiner Schulkolumne prasselten, könnte ich leicht mit dem Hinweis auf meine beste Freundin zwischen drei und zehn (griechisches Gastarbeiterkind!) neutralisieren. Zu billig.
  Aber: es ist überhaupt nicht so, dass ich meinen Kindern die Gesellschaft ganz normaler Ausländerkinder – oder, wie man jetzt sagt: Kinder mit Migrationshintergrund –, ersparen möchte. Ganz im Gegenteil würde ich es sogar begrüßen, wenn die kuschelige kleine Schule einen wesentlich höheren Anteil davon hätte, bis zu 50 Prozent ist fein mit mir. Von dem her hat mir auch die andere Schule, in die die Mimis nicht wollten, prima behagt, dort ist das nämlich etwa so. Was mir nicht behagt hat, war erstens der Cola-Automat in der Halle, zweitens die Sitten am Schulhof, die davon dominiert sind, dass dieser Volks- auch eine Hauptschule angeschlossen ist. Es folgt bekanntes sozialpolitisches Pipapo: Denn in der Hauptschule gibt es, weil die bildungsnahen Förder-Eltern ihre Kinder längst ins Gymnasium aussortiert haben, einen übermäßig hohen Anteil an Kindern von Eltern (mit oder ohne Migrationshintergrund), die keine Zeit, nicht die Voraussetzungen, keine Lust haben, ihre Kinder außerhalb der Schule zu fördern und sich mit ihnen zu beschäftigen. Worauf viele dieser Kinder in ihrer Freizeit vor dem TV und dem Computer verwahrlosen, mit negativen Konsequenzen für die Sitten am Schulhof.
  Was ich für ein wesentliches Argument halte, warum eine Gesamtschule her muss. Damit die Mischung und der Austausch von geförderten und weniger geförderten Kindern möglichst lange stabil und ausgeglichen bleibt, weil das für beide Seiten gut ist.
  Es wäre mir nämlich sogar sehr recht, wenn meine Kinder von ihren Schulfreunden ein bissl serbokroatisch, türkisch, hausa und tschechisch lernen. Es wäre mir aber auch recht, wenn das nicht nur frauenfeindliche Kraftausdrücke wären.
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