10.04.08

Großer, kleiner Preis

Doris Knecht | 04/08 | Kurier-Kolumne

Erst vor ein paar Tagen habe ich wieder einmal Martin Scorseses Bob-Dylan-Film „No Direction Home“ aus 2005 angeschaut: eine dreieinhalbstündige Monumentalbiografie, zusammengesetzt aus  Dokumentar-Material, Erinnerungen von Freunden und Zeitgenossen, Konzertmitschnitten, Fotos. Aber trotz der Stofffülle, und obwohl Scorsese Dylan ein selten ausführliches Interview abrang, kann der Film nicht die Frage  beantworten, wer Dylan ist: Wo dieser Bub Anfang 20  dieses Ausmaß an Erkenntnis über das Leben,  die Welt und die Menschen hernahm, wie er mit seinem Hinterwälder-Hintergrund und den in New York aufgesaugten literarischen, musikalischen und politischen  Versatzstücke zu derartiger Weisheit und zu dieser unpackbaren lyrischen Kompetenz finden konnte. Man kommt, etwa wenn man ihn 1963 in Greenwood, Mississippi nach der Ermordung des Bürgerrechtsaktivisten Medgar Evers „Only a Pawn in Their Game“ singen sieht, kaum umhin, in diesem 22jährigen etwas Übermenschliches, annähernd Göttliches zu konstatieren: und dass hier der Tatbestand der Begnadetheit vorliegt, Dylan  damals jener Messias auf eine Weise tatsächlich irgendwie war, den die amerikanische Bürgerrechtsbewegung in ihm sehen wollte. (Er wies das entschieden  von sich und floh für Jahre die Öffentlichkeit und ihre Erwartungen.)
In  diesem Kontext mutet es merkwürdig, beinah anmaßend an, wenn  Dylan nun der Pulitzerpreis für seine Lyrik zugesprochen wurde: Diese sonst so maßgebliche Auszeichnung erscheint fast lächerlich angesichts der Größe des Geehrten. Trotzdem: große Freude. Wir mögen nicht wissen, warum er ist, wer   er ist: Aber dass und wie wunderbar er es ist, kann nicht genug gewürdigt werden.
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